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Antigone

Antigone

Tragödie von Sophokles {497/496 - 406/405 v. Chr.} I Aus dem Griechischen von Peter Krumme
Inszenierung Matthias Gehrt, Bühne Gabriele Trinczek, Kostüme Petra Wilke, Musik Jörg Ostermayer, Dramaturgie Thomas Blockhaus

Ödipus’ Söhne, Polyneikes und Eteokles, haben sich im Kampf um Theben gegenseitig getötet. Als neuer Herrscher verfügt Kreon, dass Polyneikes, als Angreifer der Stadt, nicht bestattet werden darf. Antigone, die Schwester der toten Brüder, ist entsetzt. Doch weder die von Kreon angedrohte Todesstrafe noch Warnungen ihrer Schwester Ismene können sie beirren: Sie beruft sich auf das göttliche Gesetz, das die Ehrung des Toten verlangt und über jeglichem von Menschen erlassenen Gesetz zu stehen habe. Im Staub vor den Toren der Stadt vollzieht Antigone stolz das Totenritual an der Leiche ihres Bruders. Als König Kreon seine angedrohte Strafe unbarmherzig vollstrecken lässt, wendet sich das Schicksal gegen ihn – und die Tragödie nimmt ihren grausamen Verlauf.

Sophokles, der im 5. Jh. v. Chr. lebte, beleuchtet in drei seiner sieben überlieferten Dramen das Schicksal des Königshauses von Theben in mythischer Vorzeit. Die darin aufgeworfenen Fragen nach dem Kreislauf von Schuld und Sühne, nach Recht und Unrecht, nach Legitimation, menschlicher Fehlbarkeit und dem Ringen um Selbsterkenntnis haben auch nach über zweitausend Jahren ihre Dringlichkeit nicht verloren.

  • Pressestimmen

    Antigones wilder Kampf für die Liebe

    Am Ende sind alle tot. Und Kreon ist ein alter, gebrochener Mann, der nicht mehr aufrecht gehen kann. Der Fluch, der über den Nachkommen des Labdakos lag, hat alle vernichtet. Unausweichliches Schicksal, das von den Göttern verhängt wurde? Oder Unheil, das Menschen durch Machtbesessenheit und Sturheit heraufbeschworen haben? Hatte Antigone das Recht, sich gegen den königlichen Befehl zu wenden und ihrem toten Bruder die Totenehre zu erweisen? Matthias Gehrts Inszenierung von „Antigone“ überlässt den Zuschauer die finale Entscheidung. Doch egal, ob Team Kreon oder Team Antigone – Verlierer sind alle. Und das zeigt sich schon im ersten Moment.

    Der Bühnenraum ist vor allem schwarz, Kunsteis hüllt ihn in frostigen Nebel. Als einziges Element hat Gabriele Trinczek eine Brücke quer zur Rückfront gebaut, von der eine breite Treppe ins Dunkle hinab führt. Auf dem Bühnenprospekt erscheinen Aufnahmen einer kriegszerstörten Stadt. Eine stumme Frau (Melina Mänz), die sich bald als Abspaltung von Antigone erkennen lässt, stellt unentwegt Kerzen auf. Symbole der Trauer.  Zum Schluss werden es fast 100 sein. Eine Totenhalle, in der jede Flamme eine Anklage ist.

    Antigone steckt im Dilemma zwischen irdischem und göttlichem Gesetz, zwischen Staatsgehorsam und Moral. Für sie ist die Entscheidung klar: Sie entscheidet sich für den Bruder. Wild entschlossen reckt sie immer wieder die Faust. Sie schreit, brüllt, wütet. Es ist Vera Maria Schmidts erste Rolle auf der großen Bühne in Krefeld. Sie ist laut, wild , trotzig entschlossen. „Schämst du dich nicht, dass du nicht denkst wie alle denken“, herrscht Kreon sie an. An der Unbeirrbaren perlt das ab. […]

    Im Zentrum des Abends steht Kreon, den Joachim Henschke mit Körper und mächtiger Stimme ausfüllt. Er ist jene Autorität, die ihr Wort über das der Götter stellt. Er ist kein Zauderer, sondern einer, der weiß, dass seine Sätze Gesetz sind, auch wenn er sie scheinbar harmlos ausspricht. […]

    Er kämpft gegen sich selbst, lässt Antigone am Leben. Sie soll lebendig eingekerkert werden, bereuen oder dem Willen der Götter überlassen sein. Wie in einer Vorahnung entzündet auch er eine Kerze der Trauer. Hinter den Kulissen spielt sich die Tragödie ab, die an seiner Haltung abzulesen ist: Antigone erhängt sich. Aus Trauer bringt sich Haimon um. Und auch dessen Mutter Iokaste (Eva Spott, die vor allem in einem Auftritt als blinder Seher Teiresias beeindruckt) tötet sich aus Kummer selbst. Kreon verfällt. […]

    An Kreon entzündet sich das Thema der Rache, die ihn auch noch verbrennt, als der Feind bereits tot ist. Wie modern der Stoff ist, zeigt Gehrt mit einem Kniff. Die alten Thebaner hat er ersetzt durch Michael Ophelders. Der Chor ist eingedampft auf einen Schauspieler, der sich als virtuoser Musiker erweist. Unterstützt vom Saxofon und der Musik Jörg Ostermeyers wird er zum Stimmungspegel. Das Publikum applaudierte reichlich für alle Akteure.

    [RHEINISCHE POST, 1. Oktober 2018]

    Diese Treppe führt in den Tod

    Das Theater präsentiert eine eindrucksvolle Inszenierung des antiken Dramas „Antigone“.

    Durch schicksalhafte Verknüpfungen zerstört eine Familie sich fast komplett selbst. Die Treppe wird dabei zunehmend auch zum Symbol für den Weg in den Tod, der Bühnenboden, im Lauf des Abends mit unzähligen Kerzen gefüllt, zu einem Grabgewölbe. Diese allmähliche Verwandlung des Raumes durch die Kerzen ist eine der gelungensten Ideen. Als stumme Doppelgängerin der Antigone erfüllt Melina Mänz diese konzentrierte Aufgabe mit Bravour. […]

    Antigone, die Vera Maria Schmidt mit großer Energie und gegen Ende auch berührender Zerbrechlichkeit verkörpert, gleitet als Verurteilte die Treppe hinunter wie in eine Gruft. Auch ihr Bräutigam Haimon (Henning Kallweit) und seine Mutter Eurydike (Eva Spott), die sich beide das Leben nehmen, liegen am Ende auf dieser Treppe. Die ganze Bühne wird so zum Grab, in dem nur der verzweifelte Kreon zurückbleibt. Zuvor hat er unerbittlich an seinen Gesetzten festgehalten und damit die Götter herausgefordert. Joachim Henschke überzeugt als starrsinniger König, der seine Macht behaupten will.

    Als ihn der blinde Seher Teiresias, dem Eva Spott als übergroße Erscheinung unheimliche Präsenz verleiht, auf die Konsequenzen hinweist, ist es zu spät. Kreon kann weder Antigone retten noch die Selbstmorde seines Sohnes und seiner Frau verhindern. „Ich bin ein Nichts, die Schuld trifft mich allein“, sagt der am Ende gebrochene Mann, der trotz allem am Leben bleibt.
    Gestrafft auf 90 Minuten, spielt sich ein sehr dichtes Drama ab, das auch von der klaren und poetischen Sprache (Übersetzung Peter Krumme) getragen wird, ab. Eine besondere Atmosphäre schafft die Musik (Jörg Ostermayer), die teilweise live von Michael Ophelders auf dem Saxofon gespielt wird. Der Schauspieler verkörpert in einer Person den Chor der thebanischen Alten. Dessen kommentierende Texte werden durch die Musikpassagen noch emotional gesteigert, auch das eine schlüssige Idee. Das Publikum wechselte am Ende von konzentrierter Stille zu begeistertem Applaus.

    [WESTDEUTSCHE ZEITUNG, 1. Oktober 2018]

    Antigone – schön, mutig, ungehorsam

    Das Stück hat Sophokles vor 2500 Jahre geschrieben. Die Botschaft des Dramas ist dennoch aktuell. Es geht um die Macht der Götter, der Herrschenden, der Männer. Die Premiere des Dramas wurde im Theater begeistert gefeiert.

    Es dauert am Ende ziemlich lange, bis die Zuschauer applaudieren können. Zu sehr sind sie von dem hochemotionalen Geschehen und von den Riesenleistungen der Schauspieler gefangen. Da fällt das Loslassen schwer. Um so euphorischer und langanhaltender wird dann aber geklatscht. Die Akteure dürfen die Bühne so bald nicht verlassen. Besonders die beiden Hauptdarsteller – Joachim Henschke (König Kreon) und Vera Maria Schmidt (Antigone) – werden frenetisch bejubelt. Zurecht! […]

    Die Geschichte ist uralt – Sophokles hat die „Antigone“ vor 2500 Jahren geschrieben. Die Bühnenfassung in der Inszenierung von Schauspieldirektor Matthias Gehrt und der Dramaturgie von Thomas Blockhaus ist unfassbar modern. […]

    Die Bühne (Gabriele Trinczek) ist anfangs weitgehend leer, gegliedert nur von einer schlichten Treppe, die zur zweiten Ebene hochführt. Im Laufe der anderthalbstündigen Tragödie versieht die Trauernde – konzentriert und unaufgeregt gespielt von Melina Mänz – den Bühnenboden mit dicken weißen Stumpenkerzen. Der Raum wird enger, die Flammen flackern, die Atmosphäre verändert sich.
    Ein weiterer neuer Schauspieler stellt sich in der Inszenierung vor: Henning Kallweit spielt Haimon, den Sohn Kreons. […] Als seiner Mutter Eurydike (Eva Spott) die Nachricht von seinem Tod überbracht wird, bringt auch sie sich um. Eva Spott spielt auch – ausgesprochen beeindruckend – den Seher Teiresias, der König Kreon ein böses Ende weissagt.

    90 Minuten lang folgt der Zuschauer gebannt dem Geschehen auf der Bühne. Erlebt einen unfassbar ausdrucksstarken Joachim Henschke (So ein großartiger Charakterdarsteller!) als machtgeilen, dann zweifelnden, am Ende zerbrochenen König Kreon. Ist beeindruckt von Adrian Linke als Wächter und Paul Steinbach als Bote. Wie wandlungsfähig die Schauspieler dieses Ensembles sind, wie spielfreudig, wie überzeugend jeder in seiner Rolle.

    Und dann Michael Ophelders, der den Chor der thebanischen Alten ersetzt – mit seinem Saxophon und der Musik von Jörg Ostermayer. Vielfach verlässt er die Bühne, kommentiert das Geschehen aus der ersten Zuschauerreihe. Auch das ist frisch und trägt zur expressionistischen Wirkung des Stücks bei.

    [RHEINISCHE POST, 27. November 2017]