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Deine Liebe ist Feuer

Deine Liebe ist Feuer

von Mudar Alhaggi I Im Rahmen der Reihe Außereuropäisches Theater
Inszenierung Rafat Alzakout, Bühne und Kostüme Lydia Merkel, Dramaturgie Thomas Blockhaus

Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl
Deutschsprachige Erstaufführung

Die Front des syrischen Krieges ist nah an die kleine Wohnung gerückt, die sich die beiden jungen Frauen Hala und Rand in Damaskus teilen. Wie eine Endlosschleife geistert Hobak Nar – Deine Liebe ist Feuer, eine ägyptische Herzschmerz-Schnulze, durch ihre Köpfe. Als Hala ihrer Freundin anvertraut, dass sie mit ihr zusammen nach Deutschland fliehen will, stellt Rand eine Bedingung: nur wenn ihr Freund Khaldoun, der Soldat in Assads Armee ist, mitkommt.
Doch Khaldoun hat Angst zu desertieren – Angst um seine Familie, Angst um sein Leben.

Mitten im heftigen Streit der drei über ihre unsichere Zukunft mischt sich der Autor des Stückes in die Geschichte ein. Seine von ihm selbst erschaffenen Figuren bedrängen ihn, sie zu retten, denn er ist schon auf der anderen Seite, lebt in einem deutschen
Flüchtlingslager.

Autor, Dramaturg und Kulturaktivist Mudar Alhaggi und Regisseur Rafat Alzakout wurden in Damaskus geboren, leben seit ihrer Flucht aus Syrien in Berlin und arbeiten heute europaweit. 

Besetzung

In einzelnen Vorstellung kann die Besetzung varieren

  • Pressestimmen

    „Deine Liebe ist Feuer“ auf Deutsch und Arabisch

    […] „Deine Liebe ist Feuer“ feierte im Studio des Theaters eine doppelte Premiere. Denn nach der deutschen Fassung wurde nach einer Pause […] die syrische vorgestellt – von syrischen Schauspielern, die in Deutschland und Frankreich im Exil leben.

    Beide Versionen gehen unter die Haut. Machen traurig und wütend. Nichts tun zu können, es aushalten zu müssen, keinen Ausweg zu sehen, diese Gefühle lassen den Menschen erstarren oder explodieren. Die Emotionen, die die Darsteller auf der Bühne erleiden, nehmen die Theatergäste auf. Das Verständnis füreinander, und für die ausweglose Situation der Gefangenen des grausamen Krieges und des Flüchtlings in der Fremde eint Schauspieler und Theaterbesucher.

    Verstärkt wird diese solidarische Gefühlslage durch Adrian Linke, der als Autor sich auch zwischen den Gästen bewegt, diese mit in die Handlung einbezieht. Das ist in der arabischen Fassung anders. Da ist der Autor vielfach unsichtbar, taucht nur ab und zu in der Handlung auf. Diese Version des Stücks wühlt anders auf. Der Zuschauer weiß um das Leid, das die syrischen Schauspieler selbst erlebt haben, ohne sich den Horror, die Angst und den Schrecken wirklich vorstellen zu können. Das Grauen ist so nah – und viel zu groß. Und der Respekt vor diesen Darstellern ist riesig.

    Der Autor des Stückes, Mudar Alhaggi, und der Regisseur Rafat Alzakout stammen beide aus Damaskus, sie trafen sich nach ihrer Migration in Berlin wieder. Ihr Anliegen ist die Sichtbarmachung der Emotionen. Sie wollen den psychischen Druck spüren lassen, der auf den betroffenen Menschen lastet. Gelungen. Ein wirklich beeindruckender Abend.

    [RHEINISCHE POST, 30. Oktober 2018]

     

    Großer Aufschlag zum Spielzeitbeginn

    […] Schon tags zuvor erlebten die Zuschauer in der Fabrik Heeder ein Spiel zwischen den Zeit- und Wirklichkeitsebenen bei „Deine Liebe ist Feuer“. Rafat Alzakout hat das Stück seines syrischen Landsmannes Mudar Alhaggi als deutschsprachige Erstaufführung auf die Studiobühne geholt – und es dem Publikum nahe gebracht. Nicht nur durch die Sitzreihen, die in U-Form dicht an das mit Patronenhülsen markierte Spielfeld gerückt waren, das Lydia Merkel mit kaum mehr als einem Sofa, einer Matratze und einer symbolträchtigen Uhr ohne Zeiger ausgestattet hat. Carolina Schupa, Vera Maria Schmidt, Philipp Sommer und Adrian Linke lieferten ein berührendes Kammerspiel: Zwei junge Frauen leben in Damaskus auf engstem Raum zusammen. Der Verlobte der einen kommt überraschend auf Fronturlaub. Sie können das Zimmer nicht verlassen, weil vor der Tür der Krieg zwischen den Assad-Anhängern und den Gegnern des Regimes tobt. Die Welt draußen zeigt eine Videowand: Bilder und Youtube-Szenen aus Politik, von Gipfeltreffen mit Merkel, Obama und Putin, Demos und Assads Ansprachen und dazwischen Fußballspiele machen klar: Das ist der Alltag in Syrien. Der Krieg ist gefährlich – und Normalität. Nicht nur Granaten und Gewehre bedrohen das Leben. Auf den wenigen Quadratmetern beginnt auch die psychische Sezierung von Beziehungen: Das Paar, das die kurze kostbare Zeit nicht ungestört genießen kann, die Freundinnen, deren Zukunftspläne von der Flucht durch den pflichtbewussten Soldaten unterminiert werden, der seine Familie nicht zurücklassen will – jede Menge Zündstoff. Lebenshunger und Verzweiflung sind greifbar, auch die Radikalität, mit der Krieg die Seele tötet. „Bewusstsein ist hart. Es braucht Mut“, heißt es.

    Mudar Alhaggis Text ist raffiniert, weil er weder auf Mitgefühl noch auf Schockwirkung zielt. Im Gegenteil: Er macht klar, dass das Stück eine Fiktion ist. Denn immer, wenn die Drei im Apartment keinen Ausweg mehr sehen, stoppt die Handlung. Dann wird der Autor (Linke) eingeschaltet und soll klären, wie es weitergeht. Der sitzt inzwischen in einem Flüchtlingslager in Deutschland und hat ebenfalls alle Hoffnung verloren. Das ist düster – und es berührt, weil die Figuren bei allen Eskalationen und Deeskalationen einen Galgenhumor zeigen, der sie sehr menschlich macht und doch den gallenbitteren Beigeschmack ihrer Situation nicht verhehlt. Schmidt und vor allem Schupa geben hier ein so frisches Debüt und gehen so ganz in ihren Charakteren auf, dass man sich auf weitere Rollen freut. Linke und Sommer bestätigen ihre Klasse. Das Publikum feierte sie mit anhaltendem Applaus – viel Beifall auch für Inszenierungsteam und Autor Alhaggi. Unbedingt sehenswert.

    [RHEINISCHE POST, 18. SEPTEMBER 2017]