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Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte

Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte

Kammeroper von Michael Nyman - Libretto von Christopher Rawlence
Musikalische Leitung Michael Preiser, Inszenierung Robert Nemack, Bühne und Kostüme Clement & Sanôu, Dramaturgie Ulrike Aistleitner

Michael Nymans Kammeroper „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ („The Man Who Mistook His Wife For a Hat“)  beruht auf einer wahren Begebenheit, die dem britischen Neurologen und Mitverfasser des Librettos, Oliver Sacks, in seiner langjährigen Praxis untergekommen ist: Sein Patient Dr. P, ein Sänger und Gesangslehrer, hat zunehmend Probleme, Gesichter und Gegenstände wiederzuerkennen und in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen.
So werden eine Rose, ein Handschuh oder auch das Gesicht seiner Frau, das er mit einem Hut verwechselt, zu komplexen Problemen, die die Bewältigung seines Alltags immer schwieriger machen. Der Neurologe diagnostiziert „visuelle Agnosie“, auch Seelenblindheit genannt. Verblüfft ist der Arzt von Dr. P.’s Methode, sich trotz dieser Erkrankung im Alltag zurechtzufinden: Er verknüpft jede Tätigkeit mit Musik, erfindet Anziehlieder, Badelieder oder Essenslieder, damit die Unordnung in seinem Kopf Struktur bekommt. Das einzige Rezept, das ihm der Arzt folglich verschreiben kann ist: Musik.

Der britische Komponist Michael Nyman wurde vor allem mit seinen anspruchsvollen Musiken zu Filmen von Peter Greenaway (u. a. Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber) und Jane Campion (Das Piano) bekannt. Für seine Art zu komponieren hat Nyman selbst Anfang der 1970er Jahre – in Anlehnung an die Stilrichtung Minimal Art in der Bildenden Kunst – den Begriff Minimal Music geprägt. Dieser Stil negiert die meisten gängigen Kompositionsprinzipien, verweigert sich Begriffen wie Fortschritt oder Entwicklung und ist vielmehr in der stilistischen Nähe der mittelalterlichen Gregorianik anzusiedeln. Die charakteristische repetitive Gleichförmigkeit der Musik entwickelt jedoch einen fast meditativen Sog, dem sich der Zuhörer nicht entziehen kann.

Die Inszenierung dieser etwa 70-minütigen Kammeroper findet auf der Großen Bühne statt, auf der sogar das Publikum Platz nehmen wird. Eine speziell aufgebaute Zuschauertribüne ermöglicht dabei einen neuen und faszinierenden Blickwinkel auf das Bühnengeschehen, das sich in unmittelbarer Nähe abspielt.

Diese Produktion wird gefördert im Rahmen des Fonds Neues Musiktheater NRW Kultursekretariat
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Besetzung

In einzelnen Vorstellung kann die Besetzung varieren

  • Pressestimmen

    Wenn der Opernheld dement wird

    (…) Das Publikum war fasziniert und begeistert von „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“. Experiment geglückt. (…) Das Publikum betritt bei diesem Opernabend im wörtlichen Sinne Neuland. Es sitzt auf der Bühne mit Blick in den leeren Zuschauersaal und auf eine Drehscheibe, auf der sich 70 Minuten lang eine fremde Welt auftut, von der die Zuschauer mehr und mehr vereinnahmt werden. Regisseur Robert Nemack und sein Ausstattungsteam Clement & Sanôu haben das raffiniert eingefädelt. Stationen des Bühnenbildes sind zwischen den Zuschauerstühlen positioniert und das Orchester – zwei Violinen, eine Bratsche, zwei Celli, Harfe und Klavier – ist auf Augenhöhe. Körperlich kann sich niemand entziehen aus diesem Schicksal, das sich um ihn herum entfaltet.  (…) Andrew Nolen war in keiner Rolle intensiver als in der Darstellung des aus der realen Welt gleitenden Musikers. Wie er seinen Fuß mit seinem Schuh verwechselt oder statt zu seinem Hut nach dem Kopf seiner Frau greift, das berührt zutiefst. Sein Balanceakt zwischen „richtig machen Wollen“ nach den Regeln der Normalität, die nicht mehr seine ist, und dem Wunsch, sich in einen behaglicheren eigenen Kosmos zurückzuziehen, ist zutiefst bewegend. (…) Die Blicke zwischen beiden erzählen, dass P. und seine Frau eine lange, liebevolle Vergangenheit miteinander teilen. Hays beherrscht das Mienenspiel. Mit einer alarmiert erhobenen Augenbraue ersetzt sie kunstvolle Koloraturen. Trotz hoher gesanglicher Ansprüche gibt es wenig Raum, stimmlich zu glänzen – hier ist Charaktergesang gefragt. Auch Markus Heinrich ist ein facettenreicher Spieler. Er gibt dem Dr. S. die Haltung des abgeklärten Wissenschaftlers, der von seinem Fall fasziniert ist, aber zunehmen menschlich involviert wird. (…) Die gezupften Streichersaiten geben unter der Leitung von Michael Preiser den Pulsschlag der Geschichte vor, symbolisieren in sich immer wiederholenden Elementen die Festgefahrenheit. Sequenzen, die sich anhören wie vertonte EEG-Kurven, werden versetzt mit harmonischen Motiven und Schumann-Zitaten. (…) Nach einigen sehr stillen Sekunden applaudierte das Publikum heftig für einen ungewöhnlichen, aufwühlenden Abend. [Petra Diederichs, Rheinische Post, 22. Mai 2017]

     

     

     

    Poetisches Kammerspiel zieht in den Bann

    (…) Als unglaublich dichtes Kammerspiel war das Werk jetzt in der Regie von Robert Nemack auf der Bühne des Krefelder Theaters zu erleben. Das lag bereits an dem räumlichen Konzept der Aufführung, das die Zuschauer mit auf die Bühne holt. (…) Vorne, Richtung Zuschauerraum, sind die Musiker platziert, ein siebenköpfiges Ensemble aus Streichquintett, Harfe und Klavier. Die drei Protagonisten, der Musiker Dr. P. (Andrew Nolen), seine Frau (Debra Hays) und sein Arzt Dr. S. (Markus Heinrich), bewegen sich während der 70-minütigen Spieldauer die ganze Zeit in diesem Raum, hautnah beim Publikum. Diese Raumsituation, die das niederländische Designer-Duo Clement & Sanôu mit viel Einfühlungsvermögen geschaffen hat, trägt viel zu der packenden Atmosphäre bei. (…) Michael Preiser leitet das Ensemble der Niederrheinischen Sinfoniker präzise und mit viel Einfühlungsvermögen. Die Musik entwickelt dadurch einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann, der aber nach gut einer Stunde auch ausgereizt ist. Im Dialogstil ist der Gesang und entsprechend wie Schauspieler agieren die Sänger. Alle drei Akteure überzeugen stimmlich und darstellerisch glänzend. (…) Das Publikum lässt sich bis zum Ende von diesem poetischen Kammerspiel in den Bann ziehen. Denn erst am Ende entlädt sich die konzentrierte Stille in langanhaltendem heftigem Applaus. [Michaela Plattenteich, Westdeutsche Zeitung, 22. Mai 2017]

    Das Leben hinter der Wirklichkeit

    Nur einen Akt zählt die neue Oper des Stadttheaters. Aber diese 70 Minuten sind eine Wucht. (…) Regisseur Robert Nemack inszenierte die deutsche Fassung am Krefelder Stadttheater. Und stellt dabei die Sehgewohnheiten des Publikums radikal auf den Kopf: Die Zuschauer sitzen nicht im Parkett, sondern auf der Bühne. (…) Der Patient und seine Ehefrau finden in großer Zärtlichkeit zueinander, was Nolen und Hays sehr berührend darstellen. Wenn aber keine reale Orientierung mehr gilt, was bleibt dann noch?  (…) Ob nun die Öffnung für diese philosophischen Fragen für den Zuschauer im Vordergrund steht, die Sangeskunst, Orchesterleistung oder die schauspielerischen Qualitäten: das Premierenpublikum zeigte sich hingerissen von dieser faszinierenden Aufführung und spendete kräftig Beifall. [Ernst Müller, Extra-Tipp, 22.5.2017]