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Der zerbrochne Krug

Der zerbrochne Krug

Heinrich von Kleist (1777-1811)
Inszenierung Hüseyin Michael Cirpici, Bühne und Kostüme Sigi Colpe, Live-Musik Julia Klomfaß, Dramaturgie Martin Vöhringer

Ein kostbarer Krug liegt in Scherben und eine Hochzeit ist gleich mit zu Bruch gegangen. Wirklich zerscherbt aber ist in dieser Parodie einer Tragödie Justitia, die Gerechtigkeit.
Es ist Gerichtstag im Provinzstädtchen Huisum in den „vereinten Staaten“ der Niederlande, und Frau Marthe Rull tritt als Klägerin auf. Sie beschuldigt den Verlobten ihrer Tochter Eve, Ruprecht Tümpel, das wertvolle Familienerbstück zerbrochen zu haben, als er in der gestrigen Nacht zu Eve aufs Zimmer schlich. Ruprecht bestreitet das, fordert  seinen Verlobungsring zurück und klagt selber an. Eve habe ihn betrogen, den Krug habe ein Nebenbuhler zerbrochen, den er mit eigenen Augen gestern in Eves Garten gesehen. Und Eve selbst? Sie könnte alles aufklären – und kann es eben nicht, nicht, ohne noch größeren Schaden anzurichten. Denn weder Klage noch der Beklagte sind hier eigentlich das Problem – den wirklich problematischen Casus stellt das Gericht selbst dar.

In der Figur des Richters Adam wird Der zerbrochne Krug zur ‚Parodie einer Tragödie’. Kleist selbst weist hin auf die Verbindung seiner Komödie zu der Tragödie schlechthin, zu Sophokles’ König Ödipus. Hier wie dort ist der Richter zugleich der schuldig Angeklagte. Aber wo Ödipus (als König zugleich Richter, die moderne Gewaltenteilung gab es noch nicht) alles daran setzt, den wahren Schuldigen zu finden und die längste Zeit über nicht weiß, dass er selbst der Schuldige ist, da tut Richter Adam alles in seiner Macht stehende, um den wahren Schuldigen verborgen zu halten, sich selbst nämlich. „Mit dem verfluchten Ziegenbock am Ofen focht ich“, versucht er, dem Schreiber Licht die beiden verräterisch neuen Wunden auf seinem kahlen Schädel plausibel zu machen; ein früher Meister in Sachen ‚alternative facts‘ in den „vereinten Staaten“ … Kleist, unser Zeitgenosse.

  • Pressestimmen

    Großer Aufschlag zum Spielzeitbeginn

    Dieser Adam ist anders. […] Bruno Winzen hat sich die Rolle des Dorfrichters Adams in Kleists Schauspiel „Der zerbrochne Krug“ so zu eigen gemacht, dass man am Ende froh ist, dass alles vielleicht nur ein Alptraum gewesen sein könnte. Regisseur Hüseyin Michael Cirpici hat Kleists 1808 am Weimarer Hoftheater uraufgeführtes Stück eingebettet in eine Ahnung von Unwirklichkeit. Musikerin Julia Klomfaß unterlegt alles mit sphärischen Klängen, die traumwandlerische Entrückung bieten, statt Spannung zu schüren.

    Als Dorfrichter Adam morgens in Huisum aufwacht, ist die Welt nicht mehr in Ordnung. Seine Feinripp-Unterwäsche ist blutverschmiert, am Kopf schmerzen Platzwunden, die Amtsperücke ist nicht auffindbar. Ausgerechnet jetzt taucht Gerichtsrat Walter (Christopher von und zu Lerchenfeld, früher: Wintgens) auf, um ihm auf die Finger zu gucken. […] Und Licht, ein dienstbeflissener Gerichtsschreiber (Paul Steinbach) genießt es, tröpfchenweise Öl ins Feuer der Erkenntnis zu träufeln, damit die Machenschaften Adams auffliegen. Wie Winzen, Lerchenfeld und Steinbach die immer aberwitzigeren Wendungen der Lügengeschichte nehmen und sich dabei die Bälle zuspielen, ist ein Vergnügen und hat Witz. Hier werden Fakten aufgedeckt und verdreht, auf links gewendet und an anderer Stelle wieder ans Licht geholt. Cirpici tut gut daran, auf Anspielungen an die Gegenwart zu verzichten, er setzt auf Allgemeingültigkeit. […]

    Sigi Colpes sparsames Bühnenbild ist effektiv. Hinter den Fenstern und Türen einer dunklen Holzwand sind die Leichen aus Adams Keller verborgen. Eine Kamera offenbart dem Publikum, wo der korrupte Richter seine Wurst- und Weinvorräte hortet, und entlarvt seine Worte, mit denen er sich ins günstigste Licht rücken will. Winzens Mimik spiegelt wunderbar, wie sich die Schlinge um den Richterhals allmählich enger zieht.

    Nur knappe anderthalb Stunden braucht es, bis die Geschichte aufgedeckt ist. Das rasante Tempo tut dem Stück gut. Und die Schauspieler sind immer auf dem Punkt, alle Figuren leuchten in vielen Farben: Eva Spott ist eine resolute Frau Marthe, die den Ruf ihrer Tochter gewahrt, aber mehr noch den zu Bruch gegangenen Krug gesühnt haben will. Henning Kallweit (Rupert) und Michael Ophelders (als sein Vater Veit Tümpel) sind redliche Sucher nach der Wahrheit, und Esther Keil gibt der Zeugin Frau Brigitte lustvoll das Gesicht einer im Leben zu kurz Gekommenen, die beim Auftritt vor Gericht ihre fünf Minuten Ruhm auskostet. Als sich am Ende alles auflöst, flüchtet sich Adam in sein Bett. In Feinripp-Unterwäsche schläft er selig, getragen von der Musik Julia Klomfaß. Nur ein Traum? Oder alles zurück auf Anfang für Adams nächsten Sündenfall. Das Publikum applaudierte begeistert.

    [RHEINISCHE POST, 18. SEPTEMBER 2017]