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Die Hamletmaschine

Die Hamletmaschine

von Heiner Müller
Inszenierung Nava Zukerman, Bühne und Kostüme (Realisierung) Lydia Merkel, Komposition Eyal Shecter, Musikalische Leitung Serge Corteyn, Dramaturgie Martin Vöhringer

„Ich spiele keine Rolle mehr. Meine Worte haben mir nichts mehr zu sagen. Meine Gedanken saugen den Bildern das Blut aus. Mein Drama findet nicht mehr statt. Hinter mir wird die Dekoration aufgebaut. Von Leuten, die mein Drama nicht interessiert, für Leute, die es nichts angeht.“.

Heiner Müller schrieb Die Hamletmaschine 1977 im Rahmen seiner Übersetzungsarbeit an Shakespeares Hamlet : ein nur neunseitiger Text, zutiefst persönlich und zugleich politisch. Ein Hohelied des Welt-Theaters – und dessen Abgesang. Müller stellt die Position des Intellektuellen in einer Welt, die aus den Fugen ist, radikal in Frage, er seziert Shakespeare und setzt die verbliebenen Fragmente neu zusammen.

In ihrer Inszenierung konfrontiert Nava Zukerman, die Leiterin des Tel Aviver Tmu-Na Theaters, Heiner Müllers Text mit Originaldialogen aus Shakespeares Hamlet. Im so entstehenden Echoraum geht sie mit dem Ensemble auf die Suche nach Ophelia, Horatio, Gertrude, Claudius und Hamlet im 21. Jahrhundert.

Besetzung

In einzelnen Vorstellung kann die Besetzung varieren

  • Pressestimmen

    „Hamletmaschine“ läuft auf emotionalen Hochtouren

      Die Israelin Nava Zukerman hat Heiner Müller mit Shakespeare und eigenen Text eine neue Dimension gegeben. Ein fordernder, sehenswerter Abend.    

    An diesem Abend ist alles anders als erwartet. Kein gebrochener Prinz eröffnet ihn mit den Worten „Ich war Hamlet“. Statt dessen stellt sich eine bis zur Aufdringlichkeit freundliche Frau im Businesskostüm vor. „Ich bin Gertrud. Wir möchten, dass Sie uns ganz persönlich kennenlernen.“ Durchs ganze Haus wolle man das Publikum führen, es mit Brot, Wasser, Wein und Gemüse verköstigen. Gertrud ist Hamlets Mutter. Schon nach wenigen Minuten ist klar, dass man sie nicht näher kennenlernen möchte. Doch da hat Nava Zukerman die „Hamletmaschine“ längst in Gang gesetzt.

    Die israelische Regisseurin hat Heiner Müllers wohl sperrigsten Text, der die zur Tatenlosigkeit gezwungenen Intellektuellen der DDR am handlungsunfähigen Dänenprinzen Shakespeares verhandelt, mit Schauspielern des Krefelder Theaters erarbeitet und der postklassischen Übernahme des klassischen Stoffs eine dritte Dimension gegeben. Die Schauspieler Bruno Winzen (Hamlet), Crescentia Dünßer (Gertrud), Michael Ophelders (Claudius), Jannike Schubert (Ophelia) und Paul Steinbach (Horatio) treten aus ihren Rollen heraus und erzählen persönliche Details: „Die Hamletmaschine“ wird nicht nur mit Politik, Rebellion und Hass angetrieben, sie spuckt permanent Fragen aus, die um ihr tägliches Leben kreisen: Wie eignet man sich einen Text an, wie schlüpft man in die Figur. Und es geht um den Anfang von allem, um die Familie, die prägende Kraft für jeden Menschen.
    Zukerman lässt die Zuschauer nicht außen vor. Die fünf Szenen spielen abwechselnd im Theaterraum der Fabrik Heeder und im Foyer. Mit jedem Ortswechsel ändert sich die räumliche Situation. Nie ist der Platz des Zuschauers bei der Rückkehr da, wo er ihn verlassen hat. Niemand darf sich gemütlich einrichten, niemand soll sich wohlfühlen, wenn Gertruds freundliche Fassade zerbröselt und sie ihren Sohn drangsaliert „Sei ein Mann“. Schon Dünßers Mienenspiel schafft Unbehagen. Wunderbar!. Alle sitzen ganz nah dran und gehören nicht nur dann dazu, wenn sie das angebotene Glas annehmen.

    Ophelias Schmerz ist in dieser Nähe fühlbar. Jannike Schubert, neu im Ensemble, besticht in dem Kampf aus der Opferrolle des Mädchens, das süchtig ist nach Selbstmord, zur Frau, die sagt: „Ich habe aufgehört, mich umzubringen“. Winzen als zerstörter Hamlet, der die Reste seine Welt selbst zerstückelt, Ophelders als machtgeiler Claudius und Steinbach als Horatio quasi ein Conferencier der Tragödie: Sie bannen mit intensivem Spiel.
    Es ist ein komplexer Abend mit Eindrücken von allen Seiten. Er beginnt auf scheinbar vertrautem Terrain, familiär und mit viel Shakespeare. Doch wenn die Maschinerie des Abends auf Touren komm, gewinnt immer mehr „Hamletmaschine“ an Fahrt. Die schier unendliche Gedankenfülle, die Zukerman aus ihrer 30-jährigen Beschäftigung mit Müllers Text angehäuft hat, prasselt ohne Pausen auf die Zuschauer Das ist fordernd, unbequem, viel. Manchmal zu viel. Hier ist nicht nur der Verstand mit Müllers verkopftem Text beschäftigt, der Abend ist ein körperliches Erlebnis samt Glockenklang, Sirenengeheul und von Serge Corteyn live gespielten Klängen, die Eyal Shecter für Zukerman komponiert hat. — Der Abend muss einem nicht behagen, aber er ist unbedingt sehenswert.

    Petra Diederichs, Rheinische Post, 10. Dezember 2018

     

    Ein Glücksfall für das Stadttheater

    „Alles ist Material“, das war ein Grundsatz Müllers. Er hätte gegen die Montage seines Textes mit Shakespeare-Passagen in der Übersetzung von Schlegel und Texten, die offenbar in der Arbeit mit dem Ensemble entstanden sind, sicher nichts einzuwenden gehabt. Original-Müller gibt es zunächst in homöopathischen Dosen, mit zunehmender Dauer aber fließt immer mehr von der Sprengkraft der „Hamletmaschine“ in die Inszenierung ein.
    Die Schauspieler spielen nicht nur ihre Rollen, sondern vermeintlich auch sich selbst. Dabei reflektieren sie ihre Arbeit, die dargestellten Figuren, aber auch ihr Verhältnis zur Gegenwartspolitik. Auf dieser Ebene wird nebenbei so viel vom Shakespeare-Stück erzählerisch transportiert, dass sich ein fürs Verständnis ausreichendes Bild vom Drama ergibt.

    Königsmörder Claudius (Michael Ophelders) hat die Königinwitwe Gertrud (Crescentia Dünßer) geheiratet. Jetzt gilt es, das Volk beruhigend zu manipulieren, also hat man es in den Königspalast geladen. Und so spielt dann auch das Publikum in dieser Inszenierung mit.
    Gertrud bietet den Zuschauern zu Beginn Wein an, später wird auch Brot gereicht. „Wir freuen uns, Sie begrüßen zu dürfen“, heißt Getrud die Zuschauer willkommen. So behaglich wird’s nicht bleiben. Jedenfalls wird man so von Beginn an in die Handlung hineingezogen. Im Verlauf muss das Publikum dann auch zweimal ins Foyer wandern. Währenddessen wird im Hauptsaal umgebaut. Man geht wie bei einer Schlossführung durch verschiedene Räume, von Bühnenbildnerin Lydia Merkel so karg wie funktional ausgestattet. Natürlich ist der Sohn des ermordeten Königs und Claudius‘ Neffe, natürlich ist Hamlet (Bruno Winzen) das irrlichternde Kraftzentrum der Inszenierung. Seine Rache für den Mord an seinem Vater aber trifft (hinter den Kulissen) zunächst nur den Ratgeber Polonius, unglücklicherweise den Vater seiner Geliebten Ophelia ( Jannike Schubert).
    Der Getriebenheit Hamlets setzt Ophelia Verweigerung entgegen, doch entzieht sie sich auch kraftvoll dem Opferklischee. Hamlets Freund Horatio (Paul Steinbach) ist der Motor der Inszenierung. Er vermittelt, hinterfragt, führt das Publikum von Bild zu Bild.
    Er stellt am meisten Bezüge zu unserer Gegenwart her, in der Twitter-Sprüche abrupte Impulse setzen, politische Gegner als „links-grün-versifft“ diffamiert werden. Seine zentrale Botschaft lautet: „Alles ist politisch.“ Nava Zukermann hat genau inszeniert, sprachlich und körperlich. So gelingen den Schauspielern präzise die Tonlagenwechsel zwischen Rollen und vermeintlich privaten Texten, und ihre körperliche Präsenz wirkt in vielen wie choreographiert wirkenden Passagen packend, oft auch bedrängend.
    „Mein Drama findet nicht mehr statt“, sagt der Hamlet-Darsteller bei Müller, sagt er auch bei Zuckermann. Aber in das aktuelle Drama zwischen vermeintlich arroganter Macht und ebenso vermeintlich machtlosen Wutbürgern, in Frankreich mit gelben Westen gerade verstörend unversöhnlich geführt, klinkt sich diese Inszenierung wie beiläufig ein, wirft Fragen auf, sucht nach möglichen Haltungen. Viel Applaus bei der Premiere für diesen eindringlichen Abend, Zuckermanns inspirierte und inspirierende Inszenierung ist für das Programm des Theaters Krefeld Mönchengladbach ein Glücksfall.

    Klaus Matthias Schmidt, Westdeutsche Zeitung, 9. Dezember 2018 

     

     

     

     

    Stoff statt Stück

    Eine überaus lebendige, schillernde  und sehr nuancierte Aneignung des „Hamlet“-Stoffes

    Heiner Müllers „Hamletmaschine“ besteht aus ganzen neun Seiten Text. 1977 kochte Müller Shakespeares berühmtestes Stück zu einem „Schrumpfkopf“ ein – als Gefäß für seine persönliche Haltung und Situation nach dem Selbstmord seiner Frau und der Biermann-Ausbürgerung. Das Ergebnis gilt als unzugängliche, kaum ausdeutbare Monstrosität von gewaltiger Sprachkraft. Und wird nach wie vor häufig gespielt.

    Einen eigenwilligen Ansatz der Annäherung an diesen scheinbar erratischen Block wählt die israelische Regisseurin und Theaterleiterin Nava Zukerman am Theater Krefeld Mönchengladbach. Sie inszeniert eher den Stoff als das Stück und befragt ihn auf seine Heutigkeit.Zukerman verschneidet Müllers Text mit Passagen aus der Schlegel-Übersetzung von „Hamlet“, selbst Geschriebenem und offensichtlich auf den Proben Entwickeltem. Die „Hamletmaschine“ fungiert hier in erster Linie als Inspirationsquelle und Material. (…)

    Das Ergebnis ist eine überaus lebendige, schillernde  und sehr nuancierte Aneignung des „Hamlet“-Stoffes, die die Lebendigkeit und Heutigkeit dieser Geschichte zwingend nachweist. Und kurz vor Schluss sogar zwei fast utopische Blitzlichter setzt. Da führt Ophelia Gertrud und Claudius wie ertappte Missetäter rund um den Bühnenraum. Und hinterher spricht Claudius sein berühmtes Gebet, in dem er seine Schuld gesteht und Hamlet setzt sich auf seinen Schoss und umarmt ihn. Alles kann immer auch anders sein.

    Die Bilder, die Aktionen, die Sprünge zwischen den Räumen und Sprachebenen stimmen, weil sie von den Schauspielern be- und gelebt werden. Der professionelle Charme von Crescentia Dünßer als Gertrud reißt dann mit, wenn er Risse bekommt. Claudius glaubt man seine Machtgier wie seine Verliebtheit und vor allem seine Freudlosigkeit, der sich der Schauspieler Michael Ophelders sozusagen freudig unterzieht. Und Jannike Schubert lässt in ausstrahlungsstarker, fast aggressiver Dezenz teilhaben an Ophelias progressiver Implosion. Bruno Winzens Hamlet schließlich ist ein hilflos wütendes Blockkraftwerk, ein Mann, dem seine Eigenschaften abhandengekommen sind.

    Allerdings gibt es an diesem Abend auch einen Verlierer. Und das ist ausgerechnet Heiner Müllers Text. Er wird lustvoll und produktiv ausgebeutet und kann in diesem Kontext kein eigenes Recht mehr beanspruchen. Es geht nicht um die Annäherung an ein Meisterwerk, sondern um eine neue, eigene Theaterkreation. So verhallen die poetischen Phrasen, konventionell aufgeladen mit Gefühl oder verdoppelt durch „schöne“ konventionelle Bilder. Mit „Hier spricht Elektra“ beginnt das letzte, brutalste Textstück der „Hamletmaschine“. Jannike Schubert spricht es von oben, im roten Kleid, und lässt dabei rote Rosen fallen. Und der Text verschwindet.

    Wer also puristische Sprachkunst sucht, die ja auch vieles für sich hat und Räume öffnen kann, ist in der Krefelder Fabrik Heeder definitiv falsch. Wer lebendige, energiegeladene, heutige Auseinandersetzungen mit klassischen Stoffen mag, sollte unbedingt hingehen.

    Andreas Falentin, Die Deutsche Bühne, 8. Dezember 2018

     

    Wir sind Horatio

    Nava Zukerman überschreibt in Krefeld Heiner Müllers Shakespeare-Überschreibung

    2016 hat die israelische Theatermacherin Nava Zukerman am von ihr geleiteten Tmu-Na Theater in Tel Aviv Heiner Müllers Sekundärstück inszeniert und es dabei um Auszüge aus Shakespeares „Hamlet“ und eigene Texte, die in der Arbeit mit ihrem Ensemble entstanden sind, erweitert. Müllers Prinzip der Aneignung und Überschreibung hat sie verdoppelt. Mit der erneuten Inszenierung der „Hamletmaschine“ am Gemeinschaftstheater Krefeld-Mönchengladbach dreht sie diese Schraube noch einmal weiter. Auf der Basis ihrer Tel Aviver Stückfassung hat Nava Zukerman zusammen mit den deutschen Schauspielerinnen und Schauspielern eine Überschreibung der Überschreibung der Überschreibung geschaffen. Das klingt abstrakt, vielleicht sogar ein wenig verkopft, und erweist sich doch als erstaunlich zugänglich. Heiner Müllers in seiner Dichte und seinem Anspielungsreichtum schier unerschöpfliches Stück kommt einem im Zusammenspiel mit den Original-Passagen aus Shakespeares Tragödie und den auf unsere Alltagswelt verweisenden neuen Texten ganz nah.

    Während Müller vor allem von sich und von der Rolle der Künstler wie der Intellektuellen in den repressiven Systemen des real existierenden Sozialismus’ sprach, redet Zukermans fünfköpfiges Ensemble ganz direkt mit den Zuschauern. Die einen, Crescentia Dünßers Gertrud und Michael Ophelders’ Claudius, wollen sie manipulieren. Sie verteilen Wein und Händedrücke, Brot und Tee, Bonbons und schließlich noch ein vegetarisches Reisgericht, um eine Illusion zu erschaffen. Die „Geber von Almosen“ in Aktion. Währenddessen erinnern einen ihre Gegenspieler, Bruno Winzens wankelmütiger Hamlet, der ständig in Bewegung ist und doch nirgendwo ankommt, und Jannike Schuberts sich fortwährend verweigernde Ophelia, an die Unnahbarkeit der Großen. Ihre Dramen sind der Stoff, der begierig von der Gesellschaft aufgesaugt wird. Sie bieten sich dem Mitleid dar und bringen so ihre Almosen unter das Volk.

    Vor diesem Hintergrund wird Horatio, der in der „Hamletmaschine“ stumm bleibt, also nicht einmal auftreten muss, zum eigentlichen Zentrum der Inszenierung. Paul Steinbach antwortet auf Hamlets Frage „Willst du den Polonius spielen?“ und behauptet so den Platz in Hamlets Trauerspiel, den der ihm in Müllers Stück abspricht. Steinbach spielt Horatio, der gerne Hamlet wäre und doch weiß, dass er immer Horatio bleiben wird, als Stellvertreter des Publikums. Er ist Empfänger von Almosen und Außenseiter, Aufklärer und Sand im Getriebe der Macht. Einmal erinnert er die Zuschauerinnen und Zuschauer explizit daran, dass seine Rolle auch ihre ist. Und wie er müssen auch sie sich nicht mit ihr zufrieden geben. (…)

    Schon Müller lenkt den Blick von Hamlet auf den Hamletdarsteller, der schließlich verkündet: „Ich spiele nicht mehr mit.“ Diesen Reflexionsprozess vervielfacht Nava Zukerman. Ihr gesamtes Ensemble ringt mit den Rollen, die der Einzelnen/dem Einzelnen zugeschrieben werden. Sie spielen eine Zeit lang mit, um dann doch auszusteigen. Nur Jannike Schubert wehrt sich von Anfang an gegen das Klischee Ophelia, das Shakespeare geschaffen und Müller aufgebrochen hat. Auf die Frage, ob sie Shakespeares oder Müllers Ophelia spielen will, antwortet sie mit einem Song. So wie sie Marianne Faithfulls „She“ a cappella vorträgt, wird er zu einem Schrei der Anklage und des Protests. Niemand muss mitspielen. Es gibt andere Wege jenseits der vorgegebenen Worte und Rollen. Und die offenbaren sich in Nava Zukermans choreographischem Theater, das sich immer wieder dem Tanz annähert, in der Sprache der Körper, die ihre Eigenständigkeit behaupten und damit aus der „Hamletmaschine“ ausbrechen.

    Sascha Westphal, www.nachtkritik.de, 7. Dezember 2018