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Eine Schiffsladung Nelken für Hrant Dink (Uraufführung)

Eine Schiffsladung Nelken für Hrant Dink (Uraufführung)

von Anna Davtyan {*1983}, aus dem Armenischen von Valerie Engler
Inszenierung Zara Antonyan, Bühne und Kostüme Rina Rosenberg, Inszenierungsmitarbeit Stephen Ochsner, Dramaturgie Martin Vöhringer

„Ich soll von einem Land erzählen, das einen Berg hat, der nicht in seinen Grenzen liegt, und einen See, der ‚Meer’ heißt.“
Hrant Dink war Armenier und Staatsbürger der Türkei. Im Januar 2007 wurde er auf offener Straße in Istanbul ermordet. Der Täter, ein Siebzehnjähriger, und sein Anstifter wurden gefasst und verurteilt, aber vieles deutet darauf hin, dass ein Netzwerk türkischer Nationalisten hinter dem Mord steckte.
Im Januar 2015, acht Jahre nach Hrant Dinks Tod, wurden erstmals zwei türkische Polizisten im Zusammenhang mit seiner Ermordung festgenommen und angeklagt.

Was tat Hrant Dink? Er schrieb. Seit 1996 gab er die Zeitung Agos heraus, die einzige armenisch-türkische Wochenzeitung. Darin stritt er mit anderen für die Aussöhnung zwischen Armeniern und Türken, für die Demokratie in der Türkei, für die Anerkennung der historischen Wahrheit, das heißt: gegen die Leugnung des Völkermordes an den Armeniern in 1915 bis 1923, gegen das Verstecken der armenischen Minderheit in der Türkei.

Die armenische Dichterin Anna Davtyan hat kein biografisches Stationendrama geschrieben, sondern nähert sich Hrant Dink ganz sachte und behutsam, wie auf einer elliptischen Bahn – mal näher, mal ferner. In sechzehn poetischen Miniaturen ruft sie Hrant Dink und sein Lebensthema in Erinnerung. Anna Davtyan erzählt vom verlorenen Berg Ararat, von Bujmiwa, einer Tänzerin in einem Istanbuler Nachtclub, sie erzählt davon, wie begehrt das rote Sauerwasser der Armenier als Heiltrank bei den Türken war und wie friedlich die Völker auf der armenischen Erde einst zusammen gelebt hatten.

Anna Davtyan lebt in Eriwan und arbeitet als Schriftstellerin, Übersetzerin und Fotografin. Sie hat u.a. die zweisprachige Gedichtsammlung Book of Gratitude (Armenisch und Englisch, Eriwan 2012) verfasst. Als Übersetzerin befasst sie sich vor allem mit der Beat Generation, aber auch mit Alice Munro, Doris Lessing und anderen.

jeweils eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn findet eine Einführung statt

Besetzung

In einzelnen Vorstellung kann die Besetzung varieren

  • Pressestimmen

    Nachdenken über ein kleines Land

    Theaterkunst aus Armenien in Krefeld: „Eine Schiffsladung Nelken für Hrant Dink“

    Manchmal führt das Theater ganz weit weg. In eine Welt, von der wir keine oder nur vage Vorstellungen haben, und öffnet Ausblicke auf eine Wirklichkeit, die uns unbekannt und verschlossen ist, die staunen und rätseln lässt. Nicht, indem  es sie abbildet, sondern indem es sie poetisch beleuchtet, verdichtet, umschreibt. Und sie dabei so fremd belässt, dass wir nicht sicher sein können, was es damit auf sich hat. Aber dennoch – oder gerade auch deswegen – angesprochen, ja, fasziniert sind. […]

    Der seltene Fall einer solchen Aufführung ist am Theater Krefeld-Mönchengladbach zu sehen, das zwei Künstlerinnen aus Jerewan, die Schriftstellerin Anna Davtyan und die Regisseurin Zara Antonyan, eingeladen hat, ein Stück zu entwickeln, das auf den Genozid an den Armeniern 1915 Bezug nimmt: „Eine Schiffsladung Nelken für Hrant Dink“ wurde jetzt in der Fabrik Heeder, der Krefelder Studiobühne, uraufgeführt.

    […] Die 1983 geborene Autorin, die in ihrer Heimat vor allem als Lyrikerin und Übersetzerin aus dem Englischen hervorgetreten ist, unternimmt in ihrer ersten Arbeit für das Theater nicht den Versuch, das Unfassbare szenisch zu fassen. […] Kein Drama, keine Szenen, keine Rollen, sondern eine offene Collage, die verschiedene Perspektiven und Ebenen einnimmt, epische, lyrische und nachrichtliche Sequenzen enthält, auch Reportageelemente  und Reflexionen. […]

    Die Regisseurin Anna Davtyan [sic.: Zara Antonyan], die am Meyerhold-Zentrum in Moskau und am Grotowski-Institut in Wroclaw studiert hat, verteilt den Text auf drei Schauspieler, lässt sie Stimmen, Rollen und Positionen wechseln. Selbst wenn sie Denise Matthey, Joana Tscheinig und Jonathan Hutter Lieder und Tänze ihrer Heimat interpretieren lässt, wirkt das in seiner distanzierten Eindringlichkeit nicht angelernt oder sentimental. Mit den genau verzahnten Musik- und Videoeinblendungen von Stephen Ochsner wird eine Theatersprache entwickelt, die sich zwischen Rezitation und Installation, Kammerspiel und Choreographie bewegt, Piano-Improvisationen und Ausschnitte aus dem Film „Die Farbe des Granatapfels“ von Sergej Paradschanow aufnimmt. Wie dabei nationale und biographische, kulturelle und politische Fäden zusammengeführt werden, das gleicht der Kunst des Teppichknüpfens, auf deren Tradition Bezug genommen wird. Eine Landeskunde in Miniaturen, poetisch und prägnant. Ein Angebot zum Nachdenken über ein, wie es einmal heißt, „kleines Land“.

    [FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, 22. SEPTEMBER 2016]

     

    „Hrant Dink“: Poetisch, politisch und packend

    Befremdlich und bewegend ist die Uraufführung von „Eine Schiffsladung Nelken für Hrant Dink“ in der Reihe des außereuropäischen Theaters.

    Hrant Dink – Armenier und türkischer Staatsbürger, Journalist und Verfechter der Demokratisierung der Türkei und der Rechte der türkisch-armenischen Minderheit –  ist Titelfigur eines Stücks in der Fabrik Heeder. Den Text der Armenierin Anna Davtyan hat die ebenfalls armenische Regisseurin Zara Antonyan bildmächtig und sinnlich fordernd in Szene gesetzt. Die Uraufführung von „Eine Schiffsladung Nelken für Hrant Dink“ erhielt langen Beifall. […]

    Als Person taucht Dink nicht auf. Aus vielen verschiedenen Stimmen kann sich der Zuschauer seine eigene Annäherung erarbeiten: Denise Matthey, Joana Tscheinig und Jonathan Hutter sind Sprachrohre für Fakten, Poesie und Dramatik, wechseln ihre Positionen, mischen sie. Und sind dabei nicht auf Sprache begrenzt. Antonyan verlangt ihnen eine enorme Körperlichkeit ab – mit Bewegung, Tanz, Gesang. So entstehen Anmutungen von fernen, unfassbaren Geschehnissen. Was gesagt wird, erhält visuell eine zusätzliche, manchmal verstärkende, manchmal konträre Bedeutung. Die von Rina Rosenberg klug konzipierte Baukastenbühne lässt sich leicht verändern und dient als Projektionsfläche auch für Videoprojektionen. Symbolstarke Szene aus dem surrealen, in Armenien bekannten Film „Die Farbe des Granatapfels“ illustrieren nicht das Bühnengeschehen, sondern verstärken es, brechen das wortwörtliche Verstehen, rufen neue Assoziationen hervor. Stephen Ochsner hat das komplexe Musikkonzept und Videodesign geschaffen. […]

    Antonyan bietet keine Figur, an der sich Mitleid entladen lässt. Sie schafft eine Distanz, die zwingt, Position zu beziehen, und anregt, selber den Spuren von Hrant Dink zu folgen.

    Ein wichtiger Abend – auch durch das hervorragende Spiel von Matthey, Tscheinig und Hutter.

    [RHEINISCHE POST, 16. SEPTEMBER 2016]

     

    Reise in die armenische Geschichte

    Bewegende Premiere: „Eine Schiffsladung Nelken für Hrant Dink“ in der Fabrik Heeder. Der Namensgeber wurde 2007 ermordet.

    Die Reihe „Außereuropäisches Theater“ des Stadttheaters ist bekannt – dieses Mal ist sie für einen tiefgründigen, bewegenden und auch sehr besonderen Bühnenabend gut. In der Fabrik Heeder kam „Eine Schiffsladung Nelken für Hrant Dink“ der armenischen Schriftstellerin Anna Davtyan zur Uraufführung. Das Publikum im ausverkauften Haus dankte mit einem „stillen“ Applaus, der Bewegung und Anteilnahme zeigte. Denn in „Hrant Dink“ wird die armenische Geschichte verhandelt, am Beispiel des Menschen Dink, versehen mit viel Information und viel Emotion. Die recht junge Autorin Anna Davtyan lebt in Jerewan – früher Eriwan genannt. […]
    Sie hat den Stoff zu „Hrant Dink“ mit der Regisseurin Zara Antonyan besprochen, auf Reisen durch Westarmenien (also Türkei) recherchiert und dann ihren Text geschrieben, der kein Drama im klassischen Sinne geworden ist. Sondern eine komplexe Sammlung von Momenten und Aspekten, von Stimmungen und Gefühlen. In Prosa formuliert und durchaus in der Lage, den Zuschauer mit den Worten in eine andere Welt und in die Vergangenheit zu ziehen. […]

    Es kommen zahlreiche Elemente hinzu, die das Thema zum Gelingen bringen. Und das ist der Regisseurin Zara Antonyan zu danken. Sie hat den drei großartigen Schauspielern keine Rollen, sondern Figuren zugewiesen. So sind die beiden Gäste im Ensemble, Denise Matthey und Joana Tscheinig, mal Hohepriesterinnen oder flügelschlagende Vestalinnen, mal Zeugen der Gegenwart, mal Inkarnation der Vergangenheit. Beiden gemein ist die Fähigkeit zum anmutigen Tanz und zum authentischen Gesang – junge Schauspielerinnen, deren umfassendes Talent in dieser Inszenierung adäquat eingesetzt wurde.

    Das langjährige Ensemblemitglied Jonathan Hutter brilliert mit Dynamik, Schwung, Musikalität und Einfühlung in die Geschichte des Landes Armenien. Dort ist der Berg so wichtig: Ein Berg Ararat mit mehr als 5000 Metern, den wir aus der Bibel kennen und der gar nicht mehr zu dem Staat gehört – was wissen wir denn über Armenien? Diese Überlegung wurde nach der Aufführung noch unter dunklem Abendhimmel viel diskutiert. Weiter sind bei dieser Inszenierung die Zutaten von großer Kraft: Musik, Gesang, Bild, Bewegung. Die Musik und die Videos hat Stefan Ochsner gestaltet: Mit Ausschnitten aus „Die Farbe des Granatapfels“, 1968, gelingt es ihm, großartige Bilder für eine versunkene, geschändete Kultur zu zeigen. Überzeugend auch die Kostüme: Rina Rosenberg schuf eine Bühne und Kostüme, die ein weites Feld eröffnen.

    [WESTDEUTSCHE ZEITUNG, 16. SEPTEMBER 2016]