Vorheriges
Nächstes
Kein schöner Land (UA)

Kein schöner Land (UA)

von Lothar Kittstein und Hüseyin Michael Cirpici
Inszenierung Matthias Gehrt, Bühne Gabriele Trinczek, Kostüm Petra Wilke, Dramaturgie Martin Vöhringer

Nach der erfolgreichen Uraufführung von Kein schöner Land und einem Gastspiel beim 8. Internationalen Hanoch Levin Festival in Tel Aviv wird das Stück nun erneut in Krefeld aufgeführt. Ab April ist es in der Fabrik Heeder zu sehen. In einer Studioversion, und mit dem für das Cameri Theater Tel Aviv neu erdachten Bühnenbild.

Muß i denn, muß i denn… Die wöchentliche Chorprobe im Gemeindesaal sollte beginnen wie immer, aber auf dem Klavier liegt auf einmal ein Schwarzer: „Ich möchte mitmachen in Ihrem Chor.“ Die Chormitglieder fallen in verblüfftes Schweigen, ein Hausmeister fegt stoisch den Saal. Der Eindringling macht keine Anstalten, wieder zu verschwinden. Wer er sei, will der Chor wissen. Ein Flüchtling, sagt er. Aus Afrika. Aus Syrien. Aus dem Irak. Aus dem Iran. Mit kaum verhohlener Aggressivität machen die Sängerinnen und Sänger dem Flüchtling klar, welche Regeln hierzulande so gelten. Dann aber dreht sich der Wind und jemand erzählt, wie er sich in einen Flüchtling verliebt hat. Befremden und Neugier, Abwehr und Empathie beginnen wild durcheinander zu gehen, und schließlich hallen in den Köpfen des Chores Echos der Flüchtlingsgeschichten nach, vermengen sich mit eignen Erfahrungen. Weiter geht es mit gemischten Stimmen.

Im Sommer 2015 bekam das Autorenteam Lothar Kittstein und Hüseyin Cirpici den Auftrag, ein Stück zum Thema „Flüchtlinge“ für das Theater Krefeld und Mönchengladbach zu schreiben. Wenig später kamen Tausende und Tausende Menschen neu in Deutschland an, Schutz und Hilfe suchend. Zu ihrer Begrüßung flogen Teddybären, es flogen aber auch Brandsätze. Kittstein und Cirpici spürten, dass ein Stück über Flüchtlinge auch eines über die Gesellschaft, die sie empfängt, sein musste. Sie führten einerseits Interviews mit Geflüchteten, in Begegnungscafés und Wohnheimen. Andrerseits sammelten sie Stimmen, wie sie auf Facebook oder in Internet-Kommentaren laut wurden.

„Deutschland 2015/16, das verdichtete sich für uns in einer Zeitungsmeldung,“ beschreibt Lothar Kittstein, wie die Idee zur Grundsituation des Stücks entstand. „Ein Männerchor irgendwo im Süddeutschen probt, da geht die Tür auf, und ein Flüchtling aus Afrika steht da, der fragt, ob er mitmachen kann. Der Chor in dieser absurden Schrecksekunde, als der Fremde auftaucht, das ist für uns Deutschland – ein Land, dessen kollektive Schrecksekunde immer noch dauert.“

Kein schöner Land erzählt die spannende Geschichte der Begegnung eines Chors mit einem Fremden, erzählt vom Aufeinanderprallen verschiedener Welten: Eine Geschichte mit offenem Ausgang.

Der Dramatiker Lothar Kittstein und der Regisseur und Autor Hüseyin Michael Cirpici haben gemeinsam bereits mehrere literarische Reportagen und Hörspiele geschrieben, darunter das im Jahr 2010 vom Deutschlandfunk produzierte Feature „Fluchtpunkt Agcasar“, das Migrationsgeschichten aus einem Dorf in Anatolien erzählt. Für Kein schöner Land, einem Auftragswerk des Theaters Krefeld und Mönchengladbach, haben sie ihre erprobte Kombination aus Recherche und Fiktionalisierung erstmals für das Theater fruchtbar gemacht.

  • Pressestimmen

    Wir und der schwarze Mann

    „Kein schöner Land“ ist eine theatrale Recherche zum Flüchtlingsthema von Lothar Kippstein und Hüseyin Michael Cirpici. Die Uraufführung inszeniert Schauspieldirektor Matthias Gehrt.

    Auch unser Theater hat mit einem Auftragswerk aufs Flüchtlingsthema reagiert. „Kein schöner Land“ von Lothar Kittstein und Hüseyin Michael Cirpici besteht aus Recherchematerial, das die Autoren Anfang des Jahres in Notunterkünften, auf der Straße und in den sozialen Netzwerken gesammelt haben. Schauspieldirektor Matthias Gehrt geht dieser Text-Collage mit Mitteln des agitativen Theaters auf den Grund, was seinem Team virtuoses Handwerk abverlangt und das Publikum 90 Minuten in intellektuelle Spannung versetzt. Das Stück ist schwer und leicht zugleich. Antworten gibt es nicht, aber die Fragen werden klarer.
    Der Intendant kehrt. Michael Grosse schiebt stoisch den breiten Besen an der Rampe vor sich her. Der blaue Kittel kennzeichnet den Hausmeister des Gebäudes, dessen Versammlungssaal das Design der 70er bewahrt hat. Gabriele Trinczek hat ihre Bühne einem Gemeindehaus abgeschaut, eine Kirchenbank an den Rand gestellt und mittig einen Stuhlkreis für die Chorprobe. Auf dem Klavier liegt ein Mann. Er ist schwarz und schläft. Endlich stehen ein paar Leute auf und stimmen an: „Muss i denn…“. Zwei Frauen und fünf Männer, versprengt in Parkett und Rang, singen die drei Strophen im modifizierten Silcher-Satz, vorn gibt Jonathan Hutter den Ton an und dirigiert. […]

    Der schwarze Mann steht auf. Wendet sich zum Saal. „Ich möchte mitsingen. Ich bin ein Flüchtling.“ […]
    Ein entfremdeter Dialog nimmt seinen Anfang. Kittstein/Cirpici haben eine Geschichte aus Bayern zum Rahmen ihres Stücks gewählt: Wie ein Flüchtling bei einer Chorprobe auftaucht und mitmachen möchte, schließlich der beste Sänger des Chores wird. […]

    Zwischen Witz und Peinlichkeit, Banalität und Todesfuge nähern sich die Autoren und die zu Instrumenten der Aufklärung stilisierten Schauspieler dem Flüchtlingsthema auf eine theatrale Weise, die zu erleben niemanden kalt lässt.

    Es gibt zärtliche Szenen, Streicheleinheiten und Gruppenkuscheln; aber auch Hasstiraden, Stammtischparolen und Dialoge wie: „Wir sind das Volk.“ – „Ich bin Volker.“ Das Ensemble spielt und singt vorzüglich. Da haben die Sonderproben mit Chordirektorin Maria Benyumova Früchte gezeitigt. Jubril Sulaimon spielt den schwarzen Mann großartig, so eindringlich wie unprätentiös. […]

    Langer Beifall.

    [RHEINISCHE POST, 3. OKTOBER 2016]

     

     

    „Denk ich an Deutschland“

    Kein schöner Land – Matthias Gehrt bringt in Krefeld ein Auftragswerk von Lothar Kittstein und Hüseyin Michael Cirpici zur Uraufführung

    Wie kann man sich Deutschland in diesem Frühsommer 2016 vorstellen, wie soll man es beschreiben?

    Lothar Kittstein und Hüseyin Michael Cirpici, die zusammen schon mehrere Features und Hörspiele geschrieben haben, geben in ihrem ersten gemeinsamen Theaterstück eine überraschende Antwort auf diese Fragen. […]

    In Matthias Gehrts Uraufführungsinszenierung von „Kein schöner Land“, einem Auftragswerk des Theaters Krefeld Mönchengladbach, ist der Flüchtling von Anfang an präsent. Der aus Lagos stammende Schauspieler Jubril Sulaimon liegt auf dem Klavier, das im Zentrum von Gabriele Trinczeks kunstvoll tristem Gemeindesaal-Bühnenbild steht. Aber die Chor-Mitglieder, die Gehrt im Zuschauersaal verteilt hat, nehmen ihn einfach nicht wahr. Auch der vom Krefeld-Mönchengladbacher Generalintendanten Michael Grosse gespielte Hausmeister, der fortwährend mit seinem Besen den Bühnenrand fegt, würdigt ihn keines Blickes. Alles geht seinen gewohnten Gang. […]

    Kittstein und Cirpici arbeiten mit den Mitteln des dokumentarischen Theaters. Ihr Text basiert auf Gesprächen mit Geflüchteten und auf Recherchen im Internet. In den Chor-Passagen finden sich so ziemlich alle Klischees und Vorurteile, die man tagtäglich in sozialen Netzwerken und den Kommentarspalten lesen kann. Aber durch die Art der Montage unterlaufen die beiden Autoren das Dokumentarische wieder. „Kein schöner Land“ ist ein Stimmengewirr, in dem Identitäten und Positionen ständig wechseln. Alles vermischt sich und gerät in Verwirrung. […]

    Sulaimon spielt im Lauf des Abends eine ganze Palette von Gefühlszuständen virtuos durch. Er ist Opfer und Brandredner, wird ausgegrenzt und durchschaut alles. Sein Spiel ist wie ein Anker, der es Matthias Gehrt ermöglicht, die im Text angelegte Orientierungslosigkeit noch einmal zu verstärken. Dafür reichen ihm dann schon ganz simple Theatermittel wie wechselnde Lichtstimmungen und strategische Anordnungen der Spieler im Raum. So kann eine komödiantische Szene in einen surrealen Albtraum von Folter und Misshandlung kippen, und irgendwann drehen sich die Verhältnisse gleich ganz um. Auch wenn Chor und Flüchtling bei Gehrt nie wirklich zusammenkommen, ist die Botschaft unmissverständlich: Die Vergangenheit kann niemand zurückholen, und die Zukunft lässt sich nur gemeinsam gestalten.

    [nachtkritik.de, 29. Mai 2016]

     

    Wenn wir zuhören würden

    Lothar Kittstein/Hüseyin Michael Cirpici: Kein schöner Land

    Die Begegnung gab es tatsächlich: Eines Tages klopfte am Tegernsee in Bayern ein Flüchtling aus Nigeria an die Tür des Männerchors und fragte, ob er mitsingen könne. Ein kurzes Zögern gab es, doch dann war er dabei. Diese reale Szenerie ist der Ausgangspunkt für das neue Theaterstück „Kein schöner Land“ von Lothar Kittstein und Hüseyin Michael Cirpici, dessen Uraufführung Schauspieldirektor Michael Gehrt am Theater Krefeld-Mönchengladbach verantwortet hat. In Krefeld ist der Proberaum des Chores ausgestattet mit Kirchenbank, Klavier, Stühlen und Heizung (Bühne: Gabriele Trinczek), wird gerade noch gefegt vom Hausmeister. Ein Chor, bestehend aus sieben Schauspielern, singt vom Zuschauerraum aus ein Volkslied („Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus“), ein Flüchtling bittet von der Bühne aus, mitsingen zu können. […]

    Was zunächst den Arbeitstitel „Lampedusa“ trug, haben Kittstein und Hüseyin mit Rücksicht auf die sich überschlagenden Ereignisse seit dem letzten Sommer – von Flüchtlingsmengen in München über die Silvesternacht in Köln bis zu den AfD-Wahlsiegen – verschoben von der Fluchtgeschichte hin zu einem konkreten Blick auf Begegnungen hierzulande. Dafür haben sie Interviews mit Geflüchteten geführt, Foren und Threads in den sozialen Netzwerken durchforstet, um die verschiedenen Stimmen miteinander zu verweben. Was diesen dokumentarischen Theaterabend abhebt von vielen anderen der letzten Monate zum Thema Flucht: Er zeigt echte Geschichten, aber ist in seinen Dialogen zugleich doch wieder so fiktional, dass es zur Vermittlung des Authentischen nicht nötig scheint, alle Laien, deren Erfahrungen im Text verarbeitet sind, ins Rampenlicht zu rücken. […]

    Der Chor erinnert sich an Apfelstrudel und Ketchup. Der Flüchtling an Folter und Blut. Gerade die textliche Verdichtung banaler Assoziationen einerseits und dramatischer Wahrhaftigkeiten andererseits ist berührend. Da das Stück keinem geradlinigem Handlungsstrang folgt, vielmehr einen Begegnungsmoment abstrahiert und geradezu in die Länge zieht, besteht inszenatorisch durchaus das Risiko der Zähigkeit. Matthias Gehrt arrangiert den Text jedoch mit viel Feingefühl für das notwendige Tempo zu einem (gut 90 Minuten dauernden) Theaterabend, der keineswegs von Stillstand zeugt, sondern die Vorlage mit simplen Mitteln zu theatralem Leben erweckt und bei aller dramaturgisch notwendigen Dehnung beharrlich Aufmerksamkeit einfordert. Die sieben Schauspieler-Sänger (Esther Keil, Helen Wendt, Joachim Henschke, Jonathan Hutter, Michael Ophelders, Ronny Tomiska und Christopher Wintgens) bewegen sich dabei darstellerisch auf sehr solidem Niveau, sie agieren wahrlich gekonnt als Gruppe und meistern den großen gesanglichen Teil bravourös. […]

    Optisch wirken Kontraste: Der Flüchtling (Sulaimon spielt ihn ausdrucksstark und mit starker Körperlichkeit) trägt einen Anzug als Symbol des Erfolgs – die Flucht ist überstanden – und zugleich eine Plastiktüte als unfreiwilliges Kennzeichen und Symbol für den aufgegebenen Besitz. Die Kostüme der Chormitglieder fügen sich optisch dagegen ganz ins Bild des Publikums (Kostüme: Petra Wilke) – ein Querschnitt sozusagen: Otto, der Normale? Was auch immer das ist. Das eigene, das Fremde, die, wir. Diese Kategorien und vermeintlichen Gruppenzugehörigkeiten werden durch den Text, aber auch durch Matthias Gehrts Inszenierung infrage gestellt und allgegenwärtige Vorurteile präzise nachgezeichnet. […]

    Zwischendurch löst sich auch der Hausmeister – tragend verkörpert vom Intendanten Michael Grosse –, aus der dekorativen Präsenz und interviewt den Flüchtling zu den Schrecken seiner Erlebnisse. Perspektivwechsel sind gefragt.

    Wie aus Trotz stimmt der Chor immer wieder das Lied an, das vom Fortgehen erzählt – aber eben auch von der Heimkehr: Muss i denn… Sich an ein Volkslied zu klammern wie an die verquere Idee einer deutschen Identität, das wäre eine einseitige Lösung für das Integrationsproblem. Schließlich wird uns allen die Offenheit abverlangt, Traditionen infrage zu stellen. Was also tun? Am Ende zitieren die Chormitglieder auf der Bühne Bruchstücke der Geschichte des Flüchtlings. Sie haben doch zugehört. Wenn daraufhin Jubril Sulaimon, im Publikum stehend, „Kein schöner Land“ zu singen beginnt und immer mehr Zuschauer einstimmen, ist das ein wahrer Gänsehautmoment – weil er die Möglichkeit offeriert, empathisch zu sein und den Dialog zu suchen.

    [DIE DEUTSCHE BÜHNE, 29. Mai 2016]