Vorheriges
Nächstes
Macbeth

Macbeth

Tragödie von William Shakespeare
Inszenierung Hüseyin Michael Cirpici, Bühne und Kostüme Sigi Colpe, Live-Musik Julia Klomfaß, Dramaturgie Martin Vöhringer

Es sind Hexen, die mit Blitz und Donner dieses Stück eröffnen, das sollte man nicht vergessen. In England hüten sich Schauspieler bis heute, die Tragödie während der Probenzeit anders als das schottische Stück zu benennen, um nicht mit dem Aussprechen des Namens Macbeth einen Fluch auf sich zu ziehen. Aber das scheue Flüstern rührt womöglich von etwas andrem: von einer ehrfürchtigen Scheu gegenüber dem Spiel mit blutigem Ernst.

Die Hexen tauchen wieder auf, als Macbeth das erste Mal auf der Bühne erscheint. Als siegreiche Kriegsherren ziehen er und Banquo nach Hause, da stolpern sie im Gewittersturm fast über die bärtigen Schwestern. Die Hexen prophezeien Macbeth, er werde König werden. Und fortan beschreitet Macbeth den Weg, der ihm vorgezeichnet scheint. Den Weg, den er beschreiten will – und den er größte Angst hat zu beschreiten.

Er beginnt zu morden, und wo er zurückschreckt, da drängt Lady Macbeth ihn weiter. Ein Mord zieht den andern nach sich, bis Macbeth erkennen muss, dass er den blutigen Weg so weit gegangen ist, dass es kein Zurück mehr gibt. Der Alptraum nimmt kein Ende. Da tauchen erneut die Hexen auf und wiegen Macbeth in Sicherheit: Solange nicht der Wald von Birnam sich in Marsch setze, habe er nichts zu befürchten.
Der Thriller vom ehrgeizigen Politiker mit der noch ehrgeizigeren Frau an seiner Seite, der sich an die Macht mordet und zum Machterhalt weitermorden muss, bis er allein gegen die ganze Welt zu kämpfen hat – das ist nur der halbe Macbeth.

Das ist der politische Mechanismus, wie der polnische Theaterkritiker Jan Kott sagt, der überdeckt wird vom Alptraum, der in diesem Stück wabert und wütet. Die Hexen in Macbeth sind keine Folklore. Sie tragen nicht die Kostüme aus dem Weihnachtsmärchen, sondern sind Ausdünstungen des sich – bei aller Aufgeklärtheit und Fortschrittlichkeit – hinter unserem Rücken tagtäglich vollstreckenden Grauens. Und die Tragödie von Macbeth ist, dass er den Alptraum von A bis Z erleidet, dass ihn das Böse, das er in die Welt setzt, selbst auffrisst.

Ein schwarzes Meisterwerk Shakespeares.

  • Pressestimmen

    Zack, schon ist er umgebracht

    Macbeth – Am Theater Krefeld-Mönchengladbach inszeniert Hüseyin Michael Cirpici Shakespeare in großen Bildern

    Es regnet in Schottland, und immerzu wabert der Nebel aus den Eismaschinen. Bei „Macbeth“ ist er rot angestrahlt. Auch das Wasser aus dem komplexen Röhrensystem, das auf den roten Untergrund tropft, erweckt den Eindruck, als wateten die Figuren in Shakespeares Königsmörderdrama immerzu in Blut. Gut, dass sie alle, inklusive Lady Macbeth, robuste Schlammboots tragen (Bühne/Kostüme: Sigi Colpe). Mit strubbeligen Stromschlag-Haaren hauchen, stöhnen und hecheln die Hexen (Lena Eikenbusch, Esther Keil, Helen Wendt) ihre düsteren Prophezeiungen ins Mikrofon. Im weißen, blutigen Unterhemd torkelt Macbeth im Kreise seiner Soldatenkollegen über die Bühne, als ihm die Idee kommt, den gütigen König Duncan (Joachim Henschke als Großvatergestalt in langem schwarzen Mantel) umzubringen.

    Paul Steinbach ist für die Rolle des Thronusurpators Macbeth eine gute Wahl: Er spielt ihn als ein eifrigen Emporkömmling, der das Grundproblem des Zukurzgekommenen mit sich trägt. Durch so einen Mord kann man sich eben auch Männlichkeit erkaufen. […] Macbeths Einpeitscherin Lady Macbeth trägt in Krefeld zwar lieblich weißen Pelz und Flechtfrisur, ist aber trotzdem eine keifende Furie. […]

    Cirpici, ein gebürtiger Krefelder, der bald auch am Deutschen Theater Berlin inszeniert, ist eher ein Beherrscher von Atmosphären als von Psychologien und hat sich neben Kunstnebel und rotem Regen vor allem die Klangkünstlerin Julia Klomfaß eingekauft. Im Hintergrund der Szenerie beherrscht sie souverän eine Armada von Instrumenten, wandelt zwischen Cello, Bass, offenen Klaviersaiten, Klangblechen und Xylophonen und nutzt zuweilen auch ihre Stimme. Ein grandioser Musikteppich begleitet den kurzen Abend, macht ihn bedrohlich und endzeitlich, zu einer sich immerzu fortsetzenden Geschichte aus Gewalt und Gier.
    Schön ist auch anzusehen, wie Cornelius Gebert als aufrechter Recke Macduff seine Rache mobilisiert, zum heulenden Trauertier wird und mit seinen Männern in Unterhemden und Schaftstiefeln die Säbel zückt, um den diktatorischen Usurpator loszuwerden. Zum Schluss steht er pathetisch heldenhaft mit ihnen im rot angeleuchteten Nebel, Macbeth wurde zuckend mit dem Dolch um die Ecke gebracht.

    Cirpici hat den „Macbeth“ in seiner Heimatstadt schön und effektsicher auf die Bühne gebracht.

    [nachtkritik.de, 31. Januar 2016]

     

    Macbeth – ein blutiger Alptraum

    In „Macbeth“ gibt es nur ein Thema: Mord. Hüseyin Michael Cirpici inszeniert Shakespeares blutigstes Drama als düsteren Alptraum, in dem der Mensch zur Mordmaschine wird.

    Die Unschuld ist schon vor der ersten Szene gestorben. In blutbefleckten Unterhemden treten die Männer auf – Opfer wie Täter, alle sichtbar und gleich besudelt. Wo Menschen zu Tötungsmaschinen werden, ist Gleichmacherei geboten. Die Welt ist ein Schlachtfeld. Sigi Colpe hat die Mittelbühne mit roter Folie ausgelegt, auf die es aus antiseptisch wirkenden Metallrohren regnet. Im roten Licht glitzert der Boden gefährlich, spiegelt die Szenerie. Die Akteure scheinen durch Blutlachen zu waten: Jeder hat sinnbildlich Blut an den Füßen. Für Mitgefühl gibt es kein Schlupfloch. Cirpici hat das sich ständig steigernde Grauen als Höllenspirale komprimiert. […]
    Paul Steinbach hetzt als Macbeth durch sein Schicksal. Er will den Thron und die Macht. Die Hexen, die ihm Königreich und Untergang prophezeien, werden zu quälenden Stimmen, die sich ihm tief einbrennen. Esther Keil, Helen Wendt und Lena Eikenbusch zischeln sich in sein Unterbewusstsein. Kein Wunder, dass er keine Ruhe mehr finden wird. Der lodernde Wahnsinn in seinem Inneren frisst ihn auf. Den Verfall schreit Steinbach heraus. Mitgefühl verdient er ebenso wenig wie seine Lady (Eva Spott), die mit Eisköniginnenmiene im weißen Pelz seine Männlichkeit in Frage stellt und ihn zum ersten Mord drängt. Eiskalt tut sie seine Skrupel ab: „Morden ohne Glücksgefühl ist sinnlos!“ Mit der gleichen Besessenheit wäscht sie später manisch ihre Hände, um sie von der Blutschuld zu reinigen. Perfiderweise ist ihr Wassereimer mit Theaterblut gefüllt, das sich vor ihrer weißen Luxuswäsche brutal ausnimmt. […]

    „Macbeth“ muss man aushalten. Und das Ensemble gibt viel, um der Sprache und der Brutalität der Handlung gerecht zu werden: Joachim Henschke als König Duncan, Christopher Wintgens (Malcolm), Cornelius Gebert (Macduff) sowie Michael Ophelders mit einem soliden Debüt als Banquo und in mehreren Rollen Ronny Tomiska und Bruno Winzen.Eine Hauptrolle hatte Julia Klomfaß. Am offenen Klavier, dessen Saiten sie zupfe, mit Cello, Stahlfedern, Zither und Blechen begleitet sie den gesamten Abend auf der Hinterbühne mit sphärischen Klängen. Mal schürt sie Spannung wie im Thriller, mal donnert sie Naturgewalten ins Geschehen. Leise Töne, die nicht sofort alarmieren, sind die wichtigen. Dafür braucht man gerade heute aufnahmebereite Sinne. Viel Applaus vom Premierenpublikum.

    [RHEINISCHE POST, 1. FEBRUAR 2016]