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Minna von Barnhelm

Minna von Barnhelm


Inszenierung Anja Panse, Bühne und Kostüme Hannah Hamburger, Komposition Sebastian Herzfeld, Dramaturgie Thomas Blockhaus

Lustspiel in fünf Akten von Gotthold Ephraim Lessing {1729 – 1781}

„O, über die wilden, unbiegsamen Männer, die nur immer ihr stieres Auge auf das Gespenst der Ehre heften! Für alles andere Gefühl verhärten!“

Nach dem siebenjährigen Krieg hat der preußische Major von Tellheim gegenüber dem Kriegsfeind Sachsen Mitleid und einigt sich mit ihm auf die kleinstmögliche Summe von Reparationsforderungen – die er auch noch aus eigener Tasche vorstreckt. Als er unehrenhaft aus dem Militärdienst entlassen wird, verleumdet wegen seiner großen Milde und wegen Korruption angeklagt, versteckt sich Tellheim vor seiner Verlobten Minna von Barnhelm in einem herunter-gekommenen Hotel in Berlin.
Doch die selbstbewusste und mutige junge Frau wendet sich gegen die Konvention und reist ihm nach. „Mit einem Lieben Sie mich noch?“ stellt sie ihn zur Rede. Durch seinen Statusverlust fühlt er sich ihrer nicht mehr würdig: Unmöglich ist es für ihn, „sein ganzes Glück einem Frauenzimmer zu verdanken.“
Als Mann von Charakter gilt für ihn jetzt nicht mehr die Liebe, sondern das Prinzip. Aber Minna lässt sein übertriebenes Ehrgefühl nicht gelten und beginnt ein geschicktes Wort- und Verwirrspiel: Sie gibt Tellheim vermeintlich ihren Verlobungsring zurück – doch es ist sein eigener, den er beim Wirt verpfänden musste – und deutet an, dass sie seinetwegen enterbt worden sei.
Nun beginnt Tellheim seinerseits um sie zu werben. Minna bleibt kalt und hält ihm den Spiegel vor: Sein Mitleid mache jetzt ihrerseits eine Heirat unmöglich – und spätestens hier werden die tragischen Züge der Komödie sichtbar.
Von Lessing durchaus beabsichtigt: „Das Possenspiel will nur zum Lachen bewegen, das weinerliche Lustspiel will rühren, die wahre Komödie will beydes.“

Lessings Minna von Barnhelm, uraufgeführt 1767 in Hamburg, ist eine spielerisch-lustvolle Auseinan-dersetzung mit starren gesellschaftlichen Mustern, männlicher Vernunft und moralischer Eitelkeit, die mit zweierlei Maß misst: Tellheim kann nicht nehmen, ohne zu geben – und ist hoffnungslos überfordert von seiner emanzipierten Verlobten. Der Sprachwitz des Autors, der in der Redegewandtheit der aufgeklärten Braut voll zur Geltung kommt, erhöht die Komik und die Ernsthaftigkeit des Stücks.
Zugleich ist es ein großartiges Plädoyer für menschliches Verhalten in kriegerischen Zeiten.

  • Pressestimmen

    Liebe und Ehre im Wandel der Zeit

    Zur Premiere von Lessings „Minna von Barnhelm“ entfaltete das Ensemble vom Theater Mönchengladbach die Aktualität des Klassikers. Anja Panses Inszenierung arbeitet mit dramaturgischen Stilmitteln verschiedener Epochen und Genres.

    […] Panses Inszenierung kürzt die Spieldauer auf zweieinhalb Stunden, behält den Originaltext aber im Wesentlichen bei. Während die Besucher ihre Plätze suchen, ist der Blick bereits frei gegeben auf das Bühnenbild und den darin agierenden Just. Bruno Winzen gestaltet den Bediensteten des Major von Tellheim als einen an Leib und Seele versehrten Menschen. Sein Gesicht ist weiß gekalkt, wie auch die übrigen Darsteller unter weißer Schminke maskenhaft verfremdet erscheinen.

    Im Zuge des Geschehens wandeln sich die Kostüme, verliert sich das Weiß, und die Darsteller kommen in der Gegenwart an. Das Ensemblespiel ist durchweg intensiv, zunächst betont scharf überzeichnet, affektiert. Christopher Wintgens tänzelt als Wirt manieriert in seiner Unterwürfigkeit, wo er sich Vorteil verspricht, und wird später als kalkulierender Geschäftsmann den Umbau seiner Spelunke planen. Mit großer Präsenz gibt Ronny Tomiska den Major von Tellheim, der im überzogenen Ehrgefühl sein Eheversprechen gegenüber Minna nicht einlösen will, da er verwundet und unehrenhaft aus dem Dienst entlassen wurde – wenn auch zu Unrecht. […]

    Esther Keil verkörpert ausdrucksstark Minnas Entwicklung von der Schwärmerin zur taktisch planenden Frau, die ihren von Tellheim mit einer List zurückgewinnt.

    Immer wieder überrascht die Aufführung mit Brüchen, etwa wenn der Wirt die Begegnung zwischen von Tellheim und Minna im abgedunkelt flackernden Licht in der Art eines schaurigen Schwarz-Weiß-Films nachstellt – mit Franziska als gebannter Zuschauerin. Denise Matthey gibt ihr ein kokettes, keckes, selbstbewusstes Auftreten und trifft ebenso den stilleren Moment in deren Selbsterkenntnis, vorschnell über Just geurteilt zu haben. […]

    Die Aufführung ist dicht gespickt mit Assoziationen und Symbolen, zu denen Sebastian Herzfelds eingespielte Kompositionen beitragen. Da scheint sich etwa aus melancholischer Weise rhythmisch ein soldatisches Trommelmotiv abzusetzen. Dem absurden Theater entlehnt ist die Kofferszene mit Minna und ihrer Zofe, die im Koffer gereist zu sein scheinen. Hannah Hamburgers Bühnenbild begleitet das alles auf beeindruckende Weise. Zunächst zeigt es beinahe klassisch die Ansicht eines Gasthofes. Mit dem Fortgang aber gewinnt das Bühnenbild an Eigendynamik.“

    [RHEINISCHE POST, 10. APRIL 2017]