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Schuld und Sühne

Schuld und Sühne


Inszenierung Matthias Gehrt, Bühne Gabriele Trinczek, Kostüme Petra Wilke, Musik Jörg Ostermayer, Dramaturgie Thomas Blockhaus

von Fjodor M. Dostojewski (1821 – 1881)
Bearbeitung für das Theater: Andrzej Wajda (1926 – 2016)
Übersetzung: Henryk Bereska

Der verarmte Student Rodion Raskolnikow ist von der Idee besessen, dass es dem „großen“ Men­schen erlaubt sei, „lebensunwertes“ Leben zu vernichten, um „lebenswertes“ zu erhalten.  Er be­geht einen Doppelmord an einer alten Pfandleiherin, die in seinen Augen „nicht besser als eine Laus“ ist, und deren halbirrer Schwester, um mit dem geraubten Geld sein Studium und sein weiteres Leben zu finanzieren.
Doch nach dem vom Verstand gelenkten bestialischen Mord meldet sich Raskolnikows Gewissen, und in ihm beginnt ein aufwühlen­der Kampf gegen seine bisherigen Überzeugungen.

Dostojewskis Schuld und Sühne aus dem Jahr 1866 ist laut Thomas Mann „der größte Kriminalro­mane aller Zeiten“. Im Mittel­punkt der Theaterfassung des polnischen Film- und Theaterregisseurs Andrzej Wajda, die er 1986 für die Ber­liner Schaubühne erstellte, stehen die von Untersuchungs­richter Porfi­rij Petrowitsch klug durchgeführten Verhöre Raskolnikows, und dessen Begegnungen mit der Prostituierten Sonja, die ihm einen Ausweg aus seinem seelischen Dilemma weist.

Mit psychologischem Scharfblick stellt Dostojewski die Frage nach dem Wert menschlichen Lebens und erforscht die Tiefen der Seele, die eine Abkehr von Mitgefühl und Nächstenliebe letztlich nicht zulässt.

  • Pressestimmen

    Düsterer Krimi über die Seelenqual eines Mörders

    Ein Student begeht das perfekte Verbrechen. Doch damit beginnt die Tragödie erst: Matthias Gehrt zeigt Dostojewskis „Schuld und Sühne“ als packendes Seelendrama.[…]

    Das Gewissen ist eine schwarze Wand: Elf Meter breit, fünf Meter hoch. Fast unbemerkt rückt sie näher, wird zur immer größeren Bedrohung. […] Mit der Enge wächst seine Panik. Es ist zunächst die Angst, als Mörder überführt zu werden, später der Horror, mit der Schuld weiterleben zu müssen. […] Der polnische Schriftsteller und Regisseur Andrzej Wajda hat die Vorlage für diese Bühnenfassung geliefert, die den 800-Seiten-Roman im Wesentlichen auf die drei Hauptfiguren konzentriert: Raskolnikow, den Mörder, Profirij, den ermittelnden Staatsanwalt, und Sonja, die tiefreligiöse Prostituierte, bei der Raskolnikow Halt sucht. […]

    Die Figuren sind hervorragend besetzt: Philipp Sommer zeigt den Getriebenen mit allen Zwischentönen des Wahnsinns. […] Ein fulminantes Debüt für Sommer, der das Psychogramm einer kranken Seele sensibel abbildet – und ein ausgesprochen sorgfältiger Sprecher ist. Michael Ophelders spielt den Profirij mit dem intellektuellen Selbstbewusstsein von Hercule Poirot und der scheinbaren Harmlosigkeit von Columbo. Clever legt er die Fäden aus, in denen sich Raskolnikow verheddert und selbst alle Beweise liefert für ein Verbrechen, für das es keinerlei Indizien gab. Das Katz-und-Maus-Spiel mit Sommer hat echten Thrill. Die Musik von Jörg Ostermayer, die oft den Pulsschlag des gejagten Mörders zählt, unterstreicht das. Anna Pircher macht in wenigen Gesten die Zerrissenheit einer jungen Frau deutlich, die innig auf Gott vertraut und ihre Familie mühsam über Wasser hält […] . Zu den Elenden, für die Petra Wilke die Kostüme der Erbärmlichkeit und Verwahrlosung entworfen hat, gehören auch Joachim Henschke, Jonathan Hutter, Adrian Linke und Ronny Tomiska sowie Michael Grosse, dessen Rolle Bruno Winzen ab der dritten Vorstellung übernimmt.

    Gabriele Trinczeks Bühne erzählt nicht nur mit der Wand eine Tragödie. Die Kälte des kargen, düsteren Raums kriecht förmlich über die Rampe ins Parkett. […] Wie raffiniert sich die Tat auf der schwarzen Wand der Schuld abzeichnet, wird hier nicht verraten. Auch das löst sich am Ende auf. Das Publikum applaudierte lange.

    [RHEINISCHE POST, 28. November 2016]

     

    Wilde Gottsuche eines hochmütigen Mörders

    Das Risiko war hoch. Meist nämlich misslingt das Vorhaben, einen Roman auf die Bühne zu bringen. Ein Roman ist eben kein Theaterstück.
    Bei der Krefelder Aufführung von Fjodor Dostojewskis Roman „Schuld und Sühne“ aber ist die Sachlage eine grundlegend andere.
    Zum einen erweist sich die Textbearbeitung von Andrzej Wajda mit ihren spritzigen Dialogen als erstaunlich bühnenreif. Zum anderen hat Regisseur Matthias Gehrt daraus ein prickelndes Psychospiel voller Spannung gemacht, das bis zum Schluss in Atem hält. […]

    Die Inszenierung ist übersichtlich auf die wesentlichen Schnittstellen der Handlung fokussiert. Requisiten sind rar. Ein Schreibpult deutet das Büro des Richters an, ein Sofa das Zimmer des Mörders. Jedes Teil hat Symbolwert: Die betont dunkle Bühne mit der schwarzen Wand (Gabriele Trinczek) spiegelt die Düsternis im Herzen des Mörders wider. Und dass der Bühnenraum immer enger wird, ist ebenfalls Symbol für die innere Bedrängnis des Täters.
    Was diese Aufführung aber trägt, das ist die grandiose Schauspielkunst von Michael Ophelders und Philipp Sommer. Die Hauptdarsteller lassen in ihrer Verkörperung von Gefühl und Esprit ganz schnell vergessen, dass alles nur Theater ist. Vor allem ist die deutliche und modulierte Artikulation zu loben, die auch bei Nebendarsteller Jonathan Hutter angenehm ins Ohr fällt. Diese Aufführung ist ein Paradebeispiel für gepflegte Sprachkultur […].

    Dabei brilliert Anna Pircher  in ihrer Rolle als Gottsucherin Sonja und ihrer Funktion als externes Gewissen des Mörders; sowohl was ihre mimische Ausdruckskraft wie die Klarheit ihres Sprechens betrifft.
    Die dritte Hauptfigur betont die philosophische Grundierung des Stücks: Gottes Weltordnung triumphiert über die perverse Ideologie vom „lebensunwerten“ Leben. Ein Lehrstück besonders für das 20. Jahrhundert. Dargestellt in einer präzisen, ja mustergültigen Inszenierung. Der Applaus fiel lang und kräftig aus.

    [StadtSpiegel 30. November 2016]