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Unterwerfung

Unterwerfung

nach dem Roman von Michel Houellebecq
Inszenierung Matthias Gehrt, Bühne Gabriele Trinczek, Kostüme Petra Wilke, Musikalische Leitung Jochen Kilian, Dramaturgie Thomas Blockhaus

Aus dem Französischen von Norma Cassau und Bernd Wilczek
Bühnenfassung von Thomas Blockhaus

Frankreich im Jahr 2022. François, Mitte 40, hat als Professor für Literaturwissenschaften an einer Pariser Universität seinen intellektuellen Zenit überschritten. Frustriert gibt er sich seinen Süchten hin und vereinsamt immer mehr. Als ihn auch die junge Studentin Myriam verlässt, rücken die aktuellen politischen Entwicklungen in Frankreich immer mehr in sein Blickfeld.

Bei der bevorstehenden Präsidentschaftswahl droht ein Sieg des rechten Front National. Um Marine Le Pen als Präsidentin Frankreichs zu verhindern, gehen die Sozialistische und die Konservative Partei ein Bündnis mit der vor kurzem gegründeten demokratischen Muslimbruderschaft ein und installieren deren gemäßigten Vorsitzenden Mohammed Ben Abbes als Kandidaten für das Amt des Staatspräsidenten.
Als es in Paris zu tumultartigen Ausschreitungen kommt und ein Bürgerkrieg droht, verlässt François die Hauptstadt, um aus der sicheren Entfernung der Provinz die weiteren Ereignisse zu beobachten. Tatsächlich gewinnt Ben Abbes die Wahl zum Staatspräsidenten und ändert sofort die laizistische Verfassung Frankreichs. Er führt Theokratie, Scharia, Patriarchat und Polygamie ein, was zu einem deutlich veränderten öffentlichen und politischen Leben führt: Während die Zahlen der Arbeitslosen und die der Verbrechen schnell sinken, wird das gesamte Bildungssystem nach muslimischen Kriterien umgebaut. An erster Stelle der gesellschaftlichen Werteskala steht jetzt die Familie, um die sich vor allem die Frauen zu kümmern haben.

Wieder zurück in Paris erfährt François von seiner sofortigen Beurlaubung bei vollen Bezügen von seiner Lehrtätigkeit. Zu seinem Erstaunen beruhigt sich das Land in den folgenden Wochen. Als er vom charismatischen und zum Islam konvertierten Rektor der Universität umworben wird, um wieder in den Universitätsbetrieb einzusteigen, ist François immer mehr geneigt, sich diesem neuen, von einem gemäßigten Islam geprägten Gesellschaftssystem, zu unterwerfen.

Michel Houellebecq, umstrittener und gefeierter französischer Autor, zielt mit seinem provokant zugespitzten Roman Unterwerfung auf die offenbare Schwäche der unsere westlichen Gesellschaften gestaltenden politischen und intellektuellen Kräfte. Stellvertretend für diese gibt François fast widerstandslos seine gewachsenen christlich-kulturellen Werte auf und unterwirft sich freiwillig einer neuen konservativen Werteordnung, die ihm vor allem ein angenehmes privilegiertes Leben verspricht.

 

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  • Pressestimmen

    Ich bin zum Islam konvertiert. Nein. Doch. Oh!

    Michel Houellebecqs „Unterwerfung“ ist keine leichte Kost. Trotzdem wagten sich Dramaturg Thomas Blockhaus und Regisseur Matthias Gehrt an den Stoff. Das Ergebnis: eine interessante Islam-Dystopie.

    Zugegeben, Michel Houellebecqs Roman „Unterwerfung“ ist keine leichte Kost – Die Geschichte dreht sich um François, weshalb viele Monologe vorprogrammiert sind. Diese umgeht Matthias Gehrt geschickt in seiner Inszenierung. Denn anstatt nur einen Schauspieler einzusetzen, setzt er acht ein, die sich in die Hauptfigur François oder aber auch in andere Figuren verwandeln – es kommt zum Dialog und zwischenzeitlich zu einem regen Austausch. Ein Monolog à la Hamlet wäre zu anstrengend gewesen. Die Akteure meistern, wie bereits in „Kein schöner Land“, die chorische Erzählweise. Keine leichte Aufgabe. Allerdings lockert diese Erzählweise – in Kombination mit verschiedenen Chansons von Brel und Bécaud – das Stück ungemein auf. Jeder einzelne Schauspieler verleiht mit seiner Verkörperung des François dem Charakter eine eigene Note.

    Matthias Gehrt und Dramaturg Thomas Blockhaus gelingt ein unterhaltsames Stück, in welchem sich der Zuschauer die Frage stellt, wie er an François‘ Stelle gehandelt hätte. Den eigenen Idealen treu bleiben oder sich einer Gesellschaft anpassen, deren Religion die Unterwerfung des Menschen unter Gott vorsieht? Vielleicht ist eine Welt, in der einem Entscheidungen abgenommen werden, aber auch gar nicht so schlecht?

    [WESTDEUTSCHE ZEITUNG, 12. Juni 2017]