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3. November 2022

Theaterplatz-Problem: Brief an NRW-Innenminister Herbert Reul überreicht

Auf Initiative des Betriebsrats haben Vertreterinnen und Vertreter des Theaters gestern Abend gemeinsam mit Britta Oellers und Marc Blondin (beide Mitglieder der CDU-Landtagsfraktion) im Düsseldorfer Landtag NRW-Innenminister Herbert Reul einen Brief überreicht, der die Situation des Theaterplatzes in Krefeld beschreibt und auf die dortigen Missstände aufmerksam macht:

„Sehr geehrter Herr Reul,

wir sind die Künstlerinnen und Künstler, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Theater Krefeld und Mönchengladbach gGmbH. Uns ist es schon länger ein großes Bedürfnis, auf die Situation in der Umgebung unseres Theaters in Krefeld aus unserer Sicht aufmerksam zu machen. Daher wenden wir uns mit einem Brief heute an Sie.

Manchmal stellen wir uns etwas vor:

Wir arbeiten an einem Theater, wo man nach der Probe noch gemeinsam in der Sonne vor dem Theater bei einem Eis sitzt, oder nach einer Vorstellung an einem lauschigen Sommerabend bei einem Getränk mit dem Publikum ins Gespräch kommt. Ein Brunnen plätschert; tagsüber sieht man Jugendlichen zu, die sich an einer Skater-Rampe ausprobieren oder Kindern, die mit frisch ausgeliehenen Büchern aus der Mediothek nebenan es sich auf Bänken gemütlich machen. Die Möglichkeiten der Träume sind grenzenlos.

Kurz: es herrscht ein reges Treiben in angenehmer, freundlicher Stimmung. Ein Ort der Begegnung und des Austauschs.

Stattdessen arbeiten wir an diesem Ort:

Es vergeht kein Tag, an dem man nicht auf suchtkranke Menschen trifft, die im Bereich des Bühneneingangs ihre Drogen konsumieren, dealen oder um Geld betteln, wenn man das Fahrrad am Mitarbeiterradständer abschließt. Der Mitarbeiterparkplatz ist komplett mit Fäkalien, benutzten Binden, verdrecktem Toilettenpapier und anderem Müll verunreinigt.

Unsere Kolleg*innen aus der Requisite, deren Werkstatt sich im Keller befindet, haben direkt vor ihren Fenstern die Aussicht auf Menschen, die sich eine Nadel in den Hals, den Arm oder zwischen die Zehen jagen; auf blanke Hinterteile beim (Entschuldigung!) Kacken oder auf Geschlechtsteile beim Urinieren oder Tamponwechsel.

Derselbe Anblick bietet sich ebenfalls täglich den Kolleg*innen der Maske vor ihren Arbeitsräumen im Erdgeschoss. Unser Opernchor kann des Kloakengestanks wegen nur noch mit geschlossenen Fenstern im Chorsaal im Untergeschoss proben. Unser Theaterfotograf muss regelmäßig über schlafende und/oder zugedröhnte Personen steigen, um sein Atelier zu betreten. Das Gleiche gilt am Eingang zu den Verwaltungsräumen im benachbarten Theaterhaus.

Das Gebäude ist über weite Teile wie ein Gefängnis eingezäunt, damit die denkmalgeschützte (!) Bausubstanz nicht unter dem Urin der Suchtkranken und Obdachlosen leidet und um Einbrüche zu verhindern. Mittlerweile klettern die Suchtkranken aber auch über den Bauzaun, der um die Mitarbeiterterrasse errichtet wurde.

Um zur Theaterkasse zu gelangen, muss man entweder an vor sich hindämmernden oder pöbelnden Menschen, an Schwaden von Urin- und Müllgestank vorbei, oder, um diesem Elend zu entgehen, den Weg durch die Tiefgarage wählen, wo inzwischen auch gedealt und konsumiert wird. Die Menschen lagern mittlerweile in Schlafsäcken und provisorischen Zelten auf dem Theaterplatz. Durch den Müll, den sie auf dem Platz verstreuen, gibt es rund um das Theater immer mehr Ungeziefer, darunter zunehmend Ratten, die den Weg in unsere Arbeitsräume finden.

Mittlerweile wird der Theaterplatz in Krefeld bei TikTok mit Sprüchen wie „#KrefeldCrackCity“ oder „Krefeld ist krass und es gibt keine Konsequenzen!“ als beste Location für die Drogenszene, für Nutzer und Dealer, beworben! Die Umgebung unseres Arbeitsplatzes ist psychisch belastend und zum Teil physisch bedrohlich. Letztes Jahr gab es am helllichten Tag einen Angriff auf eine Mitarbeiterin der Theaterkasse. Letzten Monat wurde eine Bierflasche gegen die Fensterscheibe einer Künstlergarderobe im Erdgeschoss geworfen, die dadurch zu Bruch ging. Eine Außentreppe, die ebenfalls unter Denkmalschutz steht und im Notfall ein gesetzlicher Fluchtweg ist, wurde zerstört, um als Drogenversteck zu dienen. Die Auflistung könnten wir weiterführen.

Kurz: es kostet Überwindung, sowohl tagsüber, als auch nachts, zum Theater zu gehen. Es ist ekelhaft, unangenehm und gefährlich.

Es gibt Abonnent*innen, die überlegen, ihr Theaterabonnement zu kündigen oder dies leider schon getan haben, weil sie sich nicht mehr auf dem Weg zum Theater, geschweige denn spät abends nach einer Aufführung auf dem Weg nach Hause, sicher fühlen. Darüber hinaus sind der Zustand und die Atmosphäre des Theatervorplatzes nicht nur für unser treues Publikum abschreckend, sondern der Platz wirkt überhaupt nicht attraktiv und einladend für neue Zuschauer*innen, die wir erreichen und akquirieren möchten!

Obwohl das Problem schon viele Jahre andauert und in der Stadt bekannt ist, eskaliert die Situation geradezu, möglicherweise in Verbindung mit den überregionalen Aktivitäten in den Sozialen Medien, allen voran TikTok. Unsere Theaterbesucher*innen und wir fühlen uns auf dem Theaterplatz und in seiner Umgebung nicht mehr sicher. Wir sind jetzt an einem Punkt, an dem wir uns nur noch mit diesem Brief an Sie glauben helfen zu können, denn alle örtlichen Wege scheinen uns erfolglos ausgeschritten zu sein. Uns wurde die Aussage vermittelt: Die Polizei möchte an diesem Zustand nichts ändern, weil sie die Szene an diesem Ort gut unter Beobachtung halten kann. Da die Zuständigkeit für Sicherheit in Nordrhein-Westfalen bei Ihnen liegt, wenden wir uns an Sie in der großen Hoffnung, dass es Ihnen gelingt, die hier verloren gegangene Sicherheit wiederherzustellen.

Es existieren Fotografien aus den 60-er Jahren, auf denen das Theater mondän und anziehend aussieht. Diesen Zustand wünschen wir uns sehnlichst zurück: einen Ort der Kultur, der ein Schmuckstück für die Stadt und deren Umland ist und für die Stadtgesellschaft identitätsstiftend. Einen Ort, an den wir mit Stolz Menschen aus anderen Städten einladen können. An dem wir uns außerhalb unserer Arbeitszeit gerne aufhalten.

Während wir diesen Brief verfassten, erfuhren wir aus der Presse von Ihrem Austausch mit der Krefelder FDP-Fraktion. Wir sind Ihnen dankbar, dass Sie sich dieser Angelegenheit so engagiert angenommen haben. Wir laden Sie höflichst zu uns ins Theater ein und würden uns über ein offenes Gespräch mit Ihnen sehr freuen. So, wie es jetzt ist, erstickt das Theater langsam an der Szene und der Theaterplatz ist „Sperrgebiet“ für die Bürger*innen der Stadt.

Mit freundlichen Grüßen und der dringenden Bitte um Unterstützung

Der Betriebsrat in Vertretung der Mitarbeiter*innen der Theater Krefeld und Mönchengladbach gGmbH“