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Everything beautiful – Für immer schön

Everything beautiful – Für immer schön

Noah Haidle, Deutsch von Barbara Christ
Inszenierung Christoph Roos, Bühne Thomas Rump, Kostüme Anne Koltermann, Musik Markus Maria Jansen, Dramaturgie Martin Vöhringer

Jahr um Jahr zieht Cookie mit ihrem Rollkoffer voller Kosmetika durch die Vorstadtstraßen, um ewige Schönheit zu verkaufen. Mögen die Füße auch noch so wehtun, Cookie geht Klinkenputzen, und vor jeder Haustür aufs Neue setzt sie ihr schönstes Lächeln auf. Ein schlechter Tag mit schlechten Verkäufen? Morgen winkt ein neuer! „Aufgeben liegt dir nicht. Du kennst nicht mal das Wort, Küken“, wie ihre Mutter ihr einst sagte.

„Das Leben einer Handlungsreisenden“ könnte Noah Haidles Stück auch heißen, es fordert zu Vergleichen mit Arthur Millers Klassiker von 1949 geradezu auf. Und als erstes würde man feststellen, dass es siebzig Jahre später härter zugeht in der Welt, auf dem Theater, wortkarger, grotesker.

Aber Cookie entzieht sich dem Vergleich, so speziell ist sie mit ihrem rosaroten Optimismus, der leicht zu verspotten wäre, wären da nicht diese Leidenschaft, diese Energie und eine beinah tragisch zu nennende Würde. 

  • Pressestimmen

    Die Tragödie einer Schönheitsberaterin

    „Everything beautiful -Für immer schön“ zeigt den Niedergang einer einst erfolgreichen Frau – und das Scheitern in einer Scheinwelt der Selbstoptimierung. Eine Groteske mit tragischem Ende und eine Paraderolle für Esther Keil.

    Eine Frau mit Gitarre singt John Denvers „Take me home country roads“. Mehr amerikanische Provinz geht kaum. Im Mittleren Westen der USA hat Noah Haidle sein Stück „Everything beautiful – Für immer schön“ angesiedelt.[…] Haidles Figur der Kosmetikberaterin Cookie, die von Haustür zu Haustür tippelt, um ihre Produkte anzupreisen, hat das amerikanische Prinzip von den Haar spitzen bis zu den blutig gelaufenen Zehen verinnerlicht: „Man nimmt sich, was man will auf dieser Welt“, sagt sie und puscht sich zu unerschütterlichem Optimismus. „Showtime! Lächeln!“ ist ihr Mantra. Jeder ist seines Glückes Schmied. […] In Christoph Roos‘ Inszenierung, die jetzt im Theater Krefeld-Premiere hatte, ist der Traum vom Erfolg trotz des Denver-Songs kein rein amerikanischer. Cookie ist […] ist die Verkörperung des schönen Scheins, der schreckliche Abgründe kaschieren soll. Eine gebrochene Frau, die an den verzweifelten Versuchen, sich mir positiver Selbstmotivation zu retten, zerschmettert. Das Opfer von Leistungsdruck, Selbstausbeutung und einer Gesellschaft, in der ein Mensch ist, was er hat. Cookie ist eine Paraderolle für Esther Keil.
    Man mag diese schräge Type im magentafarbenen Business-Kostüm (Kostüme: Anne Koltermann) auf den ersten Blick. Es berührt, wie sie Bibelverse zitiert („Ein jegliches hat seine Zeit“), die sie sich als allzeit parate Lebensphilosophie auf die Absätze ihrer Schuhe geschrieben hat. […] Dann setzt sie das unermüdliche Lächeln auf startet ihr Showtime-Programm, greift nach dem Rollkoffer und rennt über die Bühne auf der Suche nach der nächsten Straße, die ein Versprechen sein könnte. „Keiner kommt und wischt dich auf“, sagt sie tapfer. „Lächle und dein Bewusstsein lächelt mit“, ist ihr Credo. Doch ihre Behauptung „Jeden Morgen wache ich auf und frage das Universum: Welches wunderbare Abenteuer hältst du heute für mich bereit?“ wird schnell als Lebenslüge enttarnt. Mit der jungen, herablassenden Konkurrentin Heather (Carolin Schupa) liefert sie sich ein gewalttätiges Ringen um die Verkaufsreviere. Und wenn in Rückblenden ihr Leben aufgeblättert wird, bekommt die Geschichte grotesken Drive: Da gibt’s den One-Night-Stand mit dem naiven Dan (Paul Steinbach), aus dem eine Tochter (Johanna Miller) hervorgeht […].Die Tochter wird depressiv, drogenabhängig und bringt sich um. Weil sie diese Tatsache nicht wegreden kann, zieht Cookie mit der Leiche von Tür zu Tür in der Hoffnung auf ein Geschäft, mit dem sie eine schöne Beerdigung zahlen kann. Eine gruselige Szene. […]Mit Verve, Kraft und berührender Zerbrechlichkeit spielt Esther Keil die Rolle, als sei sie für sie geschrieben worden. Das Lachen weicht schnell der Gänsehaut und endet in Beklommenheit. Für die komischen Momente sind die Kollegen zuständig, darunter auch Eva Spott als biestige Ex-Freund in und Michael Grosse als seltsamer Kunde. Langer Beifall vom Premierenpublikum.

    [RHEINISCHE POST, 25. März 2019]

     

    Showtime! Lächeln!

    Cookie verkauft Kosmetik an der Tür. Allerdings mit mäßigem Erfolg. Esther Keil ist die überragende Hauptfigur in „Everything beautiful“. Das neue Stück am Theater ist lustig, erschreckend und nah an der Realität. Nicht verpassen!

    Es fließt Blut. Viel Blut. Aus Schuh, aus Nase, aus Oberschenkel. Ja, das Lächeln wird alsbald vertrieben sein, obwohl Cookie, schrecklich intensiv gespielt von Esther Keil, ständig dazu auffordert. Vor allem sich selbst: „Showtime! Lächeln!“ Als Vertreterin für Kosmetikartikel ist sie unterwegs, putzt Klinken, wird ignoriert, weggeschickt. […]

    Christoph Roos hat Noah Haidles Schauspiel „Everything beautiful – Für immer schön“ für das Gemeinschaftstheater inszeniert. Der Bühnenboden steigt schräg nach hinten an. Eingelassen sind die Türen mit Klingel und Spion. Cookie quält sich immer und immer wieder mit ihrem Kosmetik-Rollkoffer hinauf, müht sich ab, um auf ihr immer gleiches Sprüchlein letztlich abgewiesen zu werden. In ihr Revier dringt ihre ehemaligen Schülerin Heather (Carolin Schupa) ein. Hochnäsig, schnippisch, höhnisch, verächtlich und widerlich arrogant macht sie sich über die ehemalige Lehrmeisterin lustig. Spottet über ihr Alter, das Aussehen. Im Kampf zerreißt Cookies Kostüm, und Heather sticht ihr mit einer Nagelfeile ins Bein,

    Derartig gedemütigt, aber selbstverständlich weiterhin lächelnd, macht Cookie den noch kindlichen Dan (Paul Steinbach) an, treibt es mit ihm und bekommt ein Kind. Als sie Dan als jungen Mann wiedertrifft, liegt Töchterchen Dawn im Kinderwagen, und Dan ist mit Heather verheiratet. Cookie überlässt den beiden ihr Baby. Die Situation spitzt sich zu. Wird dramatisch. Die Zuschauer im Theater werden zunehmend ruhig, lachen allenfalls erleichtert, wenn sich kurz eine Gelegenheit bietet. Für die sorgt in der Regel der tolle Paul Steinbach.

    Bitterböse wird es, als die jugendliche, inzwischen drogenabhängige Dawn (Anna Pircher) Dan und Heather entflieht und von Cookie auf den Beruf der Handelsreisenden vorbereitet wird. […]

    Leistungsdruck, Durchhaltevermögen, Geschwindigkeit und Erfolgsdruck: Das sind die Themen, die das Stück so aktuell machen. Cookie lebt ihr Leben unbarmherzig weiter, egal, wer oder was sich ihr in den Weg stellt. „Showtime! Lächeln!“, so motiviert sie sich beständig selbst. Es ist zum Heulen. Aufhalten möchte man sie, zur Ruhe zwingen.

    Als ehemalige Freundin Vera tritt Eva Spott beeindruckend in Szene. Und dann ist da noch der Generalintendant des Theaters, Michael Grosse, der als Mr. Ogilve den zweiten Mann Heathers spielt. Mit Trump-Fiffi auf dem Kopf und Gel auf den Lippen zeigt er sein komödiantisches Talent. Das versöhnt. Lassen Sie sich auf keinen Fall davon abhalten, dieses Theaterstück zu sehen. Bei allem Schrecklichen, es ist unfassbar gut gespielt – von überragenden SchauspielerInnen!

    [RHEINISCHE POST, 10. APRIL 2018]