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Jin Jiyan – Der Aufbruch

Jin Jiyan – Der Aufbruch

Stückentwicklung von Anina Jendreyko basierend auf Recherchen in Şingal und Südkurdistan - Koproduktion mit der Volksbühne Basel -
Inszenierung Anina Jendreyko, Bühne Martina Ehleiter, Video Georg Faulhaber, Musik Suleyman Çarnewa, Sosin Elenya, Metin Yilmaz, Dramaturgie Martin Vöhringer

Das Êzidentum (Jesidentum) ist eine uralte Naturreligion, in der Sonne und dem Mond im Zentrum stehen. Im August 2014 wurde das zentrale Siedlungsgebiet der Êzidinnen und Êziden im Norden des Irak vom IS überfallen, mit dem Ziel, diesen Teil des kurdischen Volkes auszulöschen. Den geplanten Genozid verhinderte die kurdische Befreiungsbewegung. Sie schuf einen Korridor, durch den etwa 200.000 êzidische Frauen, Männer und Kinder flüchten konnten. Dieser Korridor ermöglichte eine Wende. Seit der Befreiung kehren Familien zurück – gesellschaftliche Strukturen werden neu gestaltet, vor allem hinsichtlich der Rolle der Frauen.

Jin Jiyan gibt den unterschiedlichen Perspektiven der Êziden eine Stimme – zwischen Bedrohung und Standhalten, zwischen Tradition und Neuauf bau. Im Mittelpunkt steht die Kraft der êzidischen Frauen.

 

Stückeinführungen jeweils um 19:15 Uhr

 

Weitere Partner sind der Dachverband des Êzidischen Frauenrats e.V. sowie das Goethe-Institut Irak.

Mit freundlicher Unterstützung durch:

Besetzung

In einzelnen Vorstellung kann die Besetzung varieren

  • Pressestimmen

    Widerstand der jesidischen Frauen

    In der Inszenierung „Jin Jiyan – Der Aufbruch“ setzt Regisseurin Anina Jendreyko auf Perspektivwechsel.

    Durch das beherrschende Requisit einer Wand geht ein Riss. Er bohrt sich als Graben ein in die darauf projizierte Ansicht zerstörter Häuser in menschenleerer Region. […] Mit Elementen des dokumentarischen Theaters lässt sie Erinnerungen Betroffener rekapitulieren. Erzählt wird von Gewalt Verschleppung, Flucht und der Religion der Jesiden. Emotionale Monologe und Szenen ergänzen die Darstellung vom Leben insbesondere der Frauen im Nord-Irak. […]

    Nähe und Hinwendung zum Publikum sind durchgehend betont. „Wir sind in Shengal“, sagt zu Beginn eine Stimme und erzählt von unglaublicher Zerstörung. Eine zweite bekennt, das Gesehene kaum als Realität fassen zu können, während eine dritte fragt, was mit den Menschen werde, die im solchen Chaos aufwachsen. Es ist, als käme die Betroffenheit aus den Reihen der Zuschauer. Denn dort wie auch zu deren Seiten wählen die Schauspieler einen Platz. Fortan wechseln sie Standort, Rollen, Blickpunkte: Perspektivwechsel ist ein zentrales Element der Regiearbeit und spiegelt sich in der engen Verknüpfung von Schauspiel, Film und Musik. Das Trio mit Suleyman Çameva, Sosin Elenya und Metin Yilmaz bindet eindrucksvoll die Musik der Heimat ein. Die Stimmen der Sänger bergen ausdrucksstarke Kraft, häufig mit der Anmutung von Klage und Gebet. Es ist an den Schauspielern Adrian Linke, Vera Maria Schmidt, Eva Spott und Hêvîn Tekin, die rückwärtige Wand über Verschiebung und Umstürzen symbolisch und szenisch neu zu definieren […] Durchgehend ist die Wand Projektionsfläche für Filme und Fotos und ihr fragmentarischer Charakter Indiz kriegerischer Zerstörung. Im Dialog der Darsteller mit Protagonisten der Filmsequenzen sind Grenzen zwischen Realitätsebenen aufgehoben. Mitunter nehmen die Darsteller ihren Platz ein vor Bildern, werden Teil davon.

    Hêvîn Tekin zeichnet im ergreifenden Monolog den Schrecken der Flucht vor den Kämpfern des IS. Im Wechsel mit Spott und Schmidt gibt sie dem Leid der verschleppten und misshandelten Frauen ein Gesicht. Das ist ergreifend, erschütternd. Ebenso berührend gestaltet sie den Aufbruchwillen der Frauen, die den Neubeginn mitgestalten wollen, Spott, Schmidt und Linke sind Vermittler von Erlebnisberichten, Beobachter und haben Teil an wechselnden Konstellationen von Begegnungen. Tatsächlich begleiteten die beteiligten Ensemblemitglieder die Regisseurin auf eine ihrer Reisen in den Shengal. Die darüber entfachten Gedanken fließen ebenfalls ein. Das Finale ist im Besinnen der Frauen auf ihre Kraft optimistisch. Doch es bleiben Fragen zur Wahrnehmung der Ereignisse aus der Ferne. Sie schwingen im Raum, rhetorisch gestellt und begleitet vom eindringlichen Blick der Künstler.

    [Rheinische Post, 08.04.2019; von Angela Wilms-Adrians]