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Mein Kühlraum

Mein Kühlraum

Von Joël Pommerat - Aus dem Französischen von Isabelle Rivoal
Inszenierung Gerhard Willert, Bühnenbild Julia Scholz, Kostümbild Sigi Colpe, Live-Musik Julia Klomfaß, Dramaturgie Martin Vöhringer

Monsieur Blocq, der Besitzer eines Supermarkts, erfährt, dass er nur noch zwei Wochen zu leben hat. Da vermacht er den Laden seinen Angestellten, unter einer Bedingung: Einen Tag im Jahr muss die Belegschaft fortan dem öffentlichen Andenken seiner Person widmen.

Estelle, eine wissbegierige Träumerin und die gute Seele des Supermarkts, hat als einzige eine Idee : Ein Theaterstück über Blocqs Leben. Gesagt, getan, aber wer die Idee hatte, muss es auch machen, finden die Kollegen und halsen der stets hilfsbereiten Estelle nicht nur im Laden immer mehr Arbeit auf, sondern auch die ganze Last bei den Theaterproben. Erst als Estelle ihren rabiaten kleinen Bruder zu Hilfe holt, kann es mit den Proben weitergehen. Aber auch im Supermarkt wird es schwierig. Immer öfter müssen sich die nun bei sich selbst Angestellten verhalten wie Chefs. Während Estelle auf den Proben an der Verwirklichung ihrer Träume arbeitet, zerschellen im Laden die Träume an der Wirklichkeit.

Joël Pommerat, einer der außergewöhnlichsten zeitgenössischen Theatermacher und Theaterautoren Frankreichs, hat sich bei „Mein Kühlraum“ auch von Bertolts Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ inspirieren lassen – und ein so fantasievolles wie politisches Theaterstück geschrieben.

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  • Pressestimmen

    Ein Laden fürs Leben

    Joël Pommerat: Mein Kühlraum

    Joël Pommerats Beziehungsszenen „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ wurde mit einigem Erfolg auf deutschen Bühnen gespielt. Insgesamt ist der französische Theatermacher hierzulande aber noch wenig bekannt. […] Mein Kühlraum“ wurde 2011 im Pariser Odéon Theater uraufgeführt, danach vom Puppentheater Halle gespielt und 2015 in Linz von Gerhard Willert inszeniert.

    Bei der ersten Lektüre von „Ma chambre froide“ kommt der Verdacht auf, dass Pommerat ein ziemlich wirres well made play geschrieben hat. Die grundgute Supermarktmitarbeiterin Estelle wird von ihrem Mann geschlagen, von den Kollegen ausgenutzt und vom Chef sexuell bedrängt. Als sich dann auf einen Schlag die Situation im Laden ändert, weil der Inhaber Blocq nur noch kurz zu leben hat und er nun anstelle seiner Familie alle Mitarbeiter zu Gesellschaftern seines kleinen Firmenimperiums macht, kommt auch noch ein schräger Strang in die ohnehin mit Figuren und Motiven überfrachtete Geschichte: Blocqs einzige Bedingung ist nämlich ein alljährlicher Gedenktag ihm zu Ehren; wie aus dem Nichts schlägt Estelle vor, ein Theaterstück über die wichtigsten Momente seines Lebens einzustudieren.

    Wenig später haben die acht Kolleginnen und Kollegen – Kassiererin Claudie fungiert, um all die Stränge und Motive zusammenzuhalten, zwischendurch als Erzählerin – nicht nur einen Supermarkt, einen Schlachthof, ein Zementwerk und eine rotlichtige Bar an der Backe, sondern müssen des Nachts unter der Führung der scheuen Estelle auch noch ein Theaterstück proben. Sowohl in der Geschäftsführung wie in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem palliativ im Krankenhaus liegenden Chef sind alle komplett überfordert. Shakespeares „Sommernachtstraum“ lässt dabei ebenso grüßen wie Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“. Denn Estelle schickt verzweifelt ihren brutalen kleinen Bruder, der die Truppe zum chorischen Bekenntnis zum Theater zwingt: „Ich liebe das Theater. Theater ist wichtiger als das Leben.“ […]

    „Mein Kühlraum“ ist genau betrachtet keineswegs eine überfrachtete, entgleiste Kitschkomödie, sondern eine bewusst ambivalente Spielvorlage; Pommerats Themen und Schreiben sind sehr französisch geprägt, als Autor, der seinen Schauspielern Rollen zuschreibt und seine Texte stets auf der Bühne erprobt und umschreibt, ist er aber auch ein Dramatiker für die Weltbühne. In Krefeld sprang der Pommerat-Experte und (bis 2016) langjährige Linzer Schauspieldirektor Gerhard Willert für den erkrankten Hüseyin Michael Cirpici ein. Auf der weiten, freien Bühne von Julia Scholz schafft er mit dem durchweg überzeugenden neunköpfigen Ensemble – samt Julia Klomfaß als Live-Gitarristin am Rand des Bühnenportals – eine einfache, klar strukturierte Rahmung für das vielfältige Stück. Auf einer kleinen Rampe in die ersten Reihen des Parketts hinein berichtet Eva Spott als Claudie von Estelles Geschichte und taucht dann selbst in die Welt des Supermarkts ein. Das Ambiente der Acht wird etwa durch die mobile Umkleide allenfalls angedeutet. Und doch bleiben die Probleme nicht abstrakt. Das Umkippen von Begeisterung über das unverhoffte Erbe in die unauflösbaren Konflikte zwischen Kapitalerhaltung und sozial verantwortlichem Handeln Dritter, aber auch sich selbst gegenüber wird in dichten Ensembleszenen sehr konkret. Die gelben Westen als Markierung für die Supermarktkleidung (Kostüme: Sigi Colpe) sind auch ein Hinweis auf die spezifisch französische Note des Stücks und des Sozialverhaltens der Figuren.

    Paul Steinbach zeigt als rücksichtsloser Chef wie als dünnhäutiger Sterbender eine besonders vielschichtige Figur. Raafat Daboul spielt voller Würde und Komik den Lagerverwalter Chi, dessen eigentümliche Aussprache auf die Übersetzung Estelles angewiesen ist. Carolin Schupa schließlich beeindruckt nicht nur in der Verwandlung von Estelle in ihren vorgeblichen kleinen Bruder, sondern durch ihr unprätentiöses Spiel in der Rolle einer ganz normalen und dabei ganz besonderen Frau.

    Das gute Timing bei oft sehr kurzen Szenen oder Bildern hilft, das vielschichtige Stück zu gliedern und es zwischen konkreter Geschichte und symbolhafter Zeichenhaftigkeit auszutarieren. Die Krefelder Inszenierung macht Lust auf mehr Kühlräume; ein Stück, in dem die Theaterkunstanstrengung und die kapitalistische Gesellschaft in einer spannungsreichen Beziehung stecken: Das Theater soll da die Wirtschaft retten – genau daran ist Blocqs zweifelhafte Schenkung geknüpft. Am Ende bleiben nur verlorene Menschen, die sich in der Niederlage aber als Gruppe zusammengerauft haben – ohne die außerordentliche Heldin.

    Die Deutsche Bühne, von Detlev Baur am 16.02.2020

     

     

    Mein Kühlraum – eine überaus gelungene Version

    Krefeld Joël Pommerats Stück feierte Premiere am Theater Krefeld – mit einem großartigen Ensemble.

     

    „Es wird nicht einfach sein, diese Geschichte zu erzählen“, sagt Claudie (Eva Spott) am Beginn. Doch dann erzählt sie zwei Stunden lang die Geschichte von ihrer Kollegin Estelle (Carolin Schupa) und dem Supermarkt in dem sie gemeinsam gearbeitet haben. Sie tut das auf eine schlichte und zugleich eindringliche Weise, die vom ersten Moment an den Zuschauer packt. So beginnt das Stück „Mein Kühlraum“ von Joël Pommerat, das jetzt im Theater Krefeld seine erfolgreiche Premiere feierte.

    Der französische Theatermann und Autor erzählt darin Geschichten von alltäglichen Banalitäten, aber auch von menschlichen Abgründen, die sich im Alltäglichen unerwartet auftun. Das alles geschieht auf eine erstaunlich leichte Weise, mit teilweise humorvollen und sogar märchenhaften Zügen. Krefeld ist nach dem Landestheater Linz erst die zweite deutschsprachige Bühne, die das 2011 in Paris uraufgeführte Werk zeigt.

    Mit Regisseur Gerhard Willert, der das Stück auch in Linz inszeniert hat, ist ein echter Pommerat-Kenner tätig geworden. Er ist mit dem Autor befreundet, hat mehrere Stücke von ihm übersetzt und inszeniert. So hat er ein besonderes Gespür für die Musikalität und die besonderen Strukturen seiner Werke entwickelt, was sich jetzt in „Mein Kühlraum“ deutlich zeigt. Denn das Stück setzt sich aus einer Vielzahl (ungefähr sechzig!) kleiner und manchmal nur kleinster Szenen zusammen, die aus dem Dunkel aufblitzen und wieder darin abtauchen.

    Die Geschichte klingt in ihren Grundzügen einfach, ist jedoch mit so vielen Zwischentönen und überraschenden Wendungen gespickt, dass sie sich wirklich kaum zusammenfassen lässt.

    Die Grundkonstellation ist der alltäglichen Arbeitswelt entnommen. Acht Angestellte arbeiten in einem Supermarkt und leiden unter der Dominanz ihres Chefs Blocq (Paul Steinbach). Als dieser erfährt, dass er nur noch kurze Zeit zu leben hat, vermacht er seinen Angestellten vorzeitig den Supermarkt und drei weitere Firmen. Als Gegenleistung fordert er, dass ein Tag im Jahr zukünftig seinem besonderen Andenken gewidmet sein soll. Estelle, die im Laden bis zur Selbstaufopferung arbeitet, hat die Idee, das Andenken in Form eines Theaterstücks über Blocq umzusetzen. So haben die Angestellten, die plötzlich ihre eigenen Chefs geworden sind, mit verschiedenen Widrigkeiten zu kämpfen. Sie lernen die Arbeitswelt mit allen Konsequenzen aus der Perspektive des Chefs kennen, müssen harte Entscheidungen fällen und sich zueinander neu positionieren. Zugleich stehen sie unter dem Druck, ein Theaterstück schaffen zu müssen, denn Blocq will dies noch vor seinem Ableben sehen.

    Der anfänglichen Euphorie folgt schnell die Ernüchterung und die Beziehungen der acht untereinander verändern sich. Egoismus und Solidarität, aber auch Ängste und Sehnsüchte beeinflussen das Handeln dieser Menschen. Estelle, die einmal als „Heilige und Monster“ gleichermaßen bezeichnet wird, nimmt in dem Gefüge eine gesonderte Stellung ein.

    Der böse Bruder, den zunächst alle fürchten und ablehnen, wird dann in verschiedenen Situationen dazu benutzt, einige Dinge für die Anderen zum Guten zu wenden. Pommerat macht hier eine Anleihe bei Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“. Doch der Autor wertet das alles nicht, er erklärt auch nicht, sondern beschreibt die Dinge und gibt ihnen Raum. So ist der Verlauf des Stücks auch nicht vorhersehbar, es gibt immer wieder überraschende Wendungen und gegen Ende, als noch ein Mord im Kühlraum passiert, bekommt das Ganze Züge eines Krimis.

    Mit einem feinen Gespür für diese Komplexität und in einer perfekten Balance zwischen leicht und schwer setzt die Regie das alles um. Einen wesentlichen Beitrag zu der besonderen Atmosphäre leistet Julia Klomfaß mit Live-Musik und Sound. Dass das alles so wunderbar ineinandergreift, liegt an dem großartigen Ensemble.

    So differenzierte Charakterstudien, die mit einer fast lässigen Selbstverständlichkeit herüberkommen, hat man im hiesigen Schauspielensemble schon länger nicht gesehen: neben der herausragenden Carolin Schupa als Estelle sind dies Paul Steinbach, Eva Spott, Philipp Sommer, Nele Jung, Henning Kallweit, Michael Ophelders, Vera Maria Schmidt und Raafat Daboul. Letzterer spricht als Lagerverwalter Chi einen skurrilen Akzent, den Estelle den Anderen mit der Bemerkung „Er spricht unsere Sprache“ immer übersetzt. Pommerat schreibt die Stücke immer für seine eigene Theatertruppe. Leider lehnt er es ab, sich seine Stücke außerhalb Frankreichs anzusehen. In Krefeld verpasst er eine überaus gelungene Version.

     

    WZ, 18.02.2020, von Michaela Plattenteich

     

     

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