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Orpheus in der Unterwelt

Orpheus in der Unterwelt

Operette von Jacques Offenbach
Musikalische Leitung Diego Martin-Etxebarria, Inszenierung, Kostüme Hinrich Horstkotte, Bühne Martin Dolnik, Choreografie Robert North, Choreinstudierung Michael Preiser, Dramaturgie Andreas Wendholz

Orpheus und Eurydike sind einander überdrüssig und wollen sich trennen. Eurydike hat ein Verhältnis mit Pluto und Orpheus umschwärmt seine Schülerin Marquilla. Aber die Öffentliche Meinung verhindert die Trennung. Als Eurydike von der Schlange gebissen stirbt, entführt Pluto sie in die Unterwelt. Orpheus, sehr zufrieden mit dieser Fügung, wird jedoch von der Öffentlichen Meinung genötigt, seine Gattin von Göttervater Jupiter zurückzufordern.

In seiner ersten abendfüllenden Operette – uraufgeführt 1858 in Paris – ist Jacques Offenbach nichts heilig: Die hehrerhabenen Götterfiguren der Antike werden von ihrem Sockel gestoßen und in ihren allzu menschlichen Schwächen gezeigt. Musikalisch parodiert der „Mozart der Champs-Élysées“, wie Offenbach in Paris genannt wurde, ohne jeden Respekt und mit viel Können das hohle Opernpathos seiner Zeit.

 

  • Pressestimmen

    Klamauk, aber mit Niveau

    Regisseur Hinrich Horstkotte hat diese Neudeutung der Handlung, deren Verwurzelung im Mythos vom Sänger Orpheus schon im Original nur als Fassade für karikierende Zeitkritik diente, riskiert und konsequent durchgespielt. (…) Susanne Seefing ist als Cupido zur nöligen Nina Hagen mutiert – famos ihr Kuss-Couplet wie überhaupt ihr Spiel.  James Park (Tenor) oszilliert als Doppelagent zwischen Götterbote Merkur und Stasi-Minister Erich Mielke. Tenor Markus Heinrich gibt den Pluto als wurstigen Hell’s Angels-Rocker mit Udo-Lindenberg-Sprech. Debra Hays als kratzbürstige Juno ist leicht als Margot Honecker zu identifizieren, ihr Gemahl „Jupiti“ (Hayk Deinyan) als Generalsekretär ist ein schlimmer Schürzenjäger. Köstlich die Szene im Séparée der Unterwelt-Disco, wenn der als Stubenfliege kostümierte Jupiter sich durch ein überdimensionales Schlüsselloch den Weg zu Eurydike bahnt. (…) Ein Highlight der superkomische Auftritt von Michael Grosse als John Styx, der in seinem Couplet tränentriefend Vergangenes besingt: „Einst war ich König in der Zone, im Fernsehn war ich gar ein Star“, erinnert Grosse in Tonfall wie Kostüm an den DDR-Komiker Eberhard Cohrs. [Dirk Richerdt, Rheinische Post, 17.6.2019]

    Göttlicher Spaß am Niederrhein

    (…) Neben der eigentlichen Geschichte legte Offenbach seinerzeit bereits besonderen Wert auf die Doppeldeutigkeit der Personen, die sich durchaus gesellschaftskritisch auf das Pariser Leben Mitte des 19. Jahrhunderts übertragen ließen. Diese Ebene verlegt Hinrich Horstkotte geschickt in die DDR, wobei die Unterwelt zu einem Etablissement in Westberlin wird. (…) Die Inszenierung ist ein Quell an kreativen Ideen, angefangen bei der öffentlichen Meinung in Form einer sehr bekannten Bundeskanzlerin über die Kostüme, die ebenfalls von Hinrich Horstkotte entworfen wurden, bis hin zum wunderbar zusammengestellten Götterolymp. Hier weiß man gar nicht wohin man zuerst schauen soll. (…) Ein Paradestück ist „Orpheus in der Unterwelt“ auch für das Ensemble, das alle Rollen wieder mit großer Spielfreude besetzt. Sei es David Esteban als Orpheus (…) oder Sophie Witte als seine Ehefrau Eurydike, die neben ihrem klaren Sopran auch den ostdeutschen Dialekt tadellos beherrscht. Ebenso übrigens Generalintendant Michael Grosse als John Styx in Form eines inzwischen vergessenen Stars aus dem DDR-Fernsehen. Als Aristeus bzw. Gott der Unterwelt steht Markus Heinrich in bewährter Qualität auf der Bühne. Highlight des Abends sind aber wohl Göttervater Jupiter, genauer gesagt Erich Jupiter als Vorsitzender des Zentralrates der Götter in Person von Hayk Deinyan und seine Gemahlin Juno, unschwer identifizierbar als Margot Honecker, die von Debra Hays ganz zauberhaft dargestellt wird. Auch die weiteren Rollen sind allesamt auf den Punkt besetzt mit Gabriela Kuhn (Öffentliche Meinung), James Park (Merkur), Janet Bartolova (Venus), Eva Maria Günschmann (Diana), Alexander Kalina (Mars) und Valerie Eickhoff (Cupido). Dazu gesellt sich der spielfreudige und gut einstudierte Theaterchor, ebenfalls in zahlreichen wunderbaren Kostümen. Mehrere große Auftritte hat auch das Ballett des Hauses in der Choreografie von Robert North, die nicht nur beim Cancan die Beine schwingen. [Markus Lamers, Der Opernfreund, 21.06.2019]