Musiktheater

Aida – der fünfte Akt

Kammeroper in 7 Szenen // Musik von Stefan Heucke // Libretto von Ralph Köhnen // Uraufführung Leitung Besetzung

3. September 2023 – 1. April 2024

Dauer Ca. 70 Minuten ohne Pause Extras Stückeinführung jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn (auch Premiere) Sprache In deutscher Sprache

Am Ende von Giuseppe Verdis Oper Aida wird der des Hochverrats beschuldigte Radamès unter einem Tempel lebendig eingemauert. Seine Geliebte Aida hatte sich zuvor unbemerkt in die Gruft geschlichen und ist bereit, dieses Los mit ihm zu teilen. Vorhang. – Doch was passiert dann? Wie verhalten sich die beiden Liebenden in den letzten Stunden ihres Lebens? Gelingt es ihnen, als liebendes Paar zu sterben, oder hassen sie sich und gehen aufeinander los? Wie gelingt es dem Menschen, in einer ausweglosen Situation, angesichts des Todes, seine Würde zu bewahren?

Den deutschen Komponisten Stefan Heucke, der dem Theater Krefeld und Mönchengladbach bereits seit vielen Jahren verbunden ist (zum Beispiel durch das Werk Das Frauenorchester von Auschwitz), beschäftigten diese Fragen schon lange. Gemeinsam mit Librettist Ralph Köhnen hat er nun, als Auftragswerk für das Theater Krefeld und Mönchengladbach, eine ca. 70-minütige Kammeroper für Mezzosopran, Bariton und Kammerorchester über diesen packenden Stoff geschrieben. Mit dem Bunker Güdderath steht der perfekte Uraufführungsort zur Verfügung, bevor das Stück auch in der Fabrik Heeder in Krefeld zu sehen sein wird.

Uraufführung im Rahmen des Festivals Herbstzeitlose 2023 als Kooperation zwischen dem Theater Krefeld und Mönchengladbach und Bernhard Petz.

Infos zum Komponisten

Das Werkverzeichnis von Stefan Heucke (*1959) umfasst über 120 Werke aller Gattungen, Opern, Oratorien, Sinfonien, Konzerte, geistliche Musik, Kammermusik und Lieder. Seine Werke werden in der ganzen Welt von prominenten Orchestern und Solisten aufgeführt. Zahlreiche seiner Werke liegen als CDs und Rundfunkproduktionen vor. Besonderes Aufsehen erregte seine große Oper über „Das Frauenorchester
von Auschwitz“ (2006). Heucke war Composer-in-residence bei mehreren Orchestern und internationalen Festivals. 2016 eröffnete der neue Bochumer Konzertsaal seine Tore mit Heuckes Kantate Baruch ata Adonaij – Gesegnet seist Du Herr“. 2017 wurde seine abendfüllende „Deutsche Messe“ für Soli, Chor und Orchester anlässlich des Luther-Jahres in Berlin vom Deutschen Symphonie-Orchester und dem Berliner Rundfunkchor uraufgeführt. 2021 erhielt Heucke drei Aufträge für zwei neue Opern und eine Markus- Passion für Soli, Chor und Orchester für das Bach-Fest in Münster 2024 Seit 1996 werden Heuckes Werke bei Schott Music International verlegt. Er lebt als freischaffender Komponist abwechselnd in Deutschland und in Italien.

Ein Video-Interview mit Stefan Heucke zur Komposition der Kammeroper finden Sie hier.

Einführung zur Inszenierung

Jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn bietet die Dramaturgie an allen Vorstellungsterminen (auch Premiere) in der Fabrik Heeder eine Stückeinführung im Foyer vor Ort an. Der Eintritt ist im Ticket enthalten. An den Terminen 13.1. (Premiere), 30.3. und 1.4. (Ostermontag) findet die Einführung als Interview mit dem Komponisten Stefan Heucke statt.

Leitung

Besetzung

Heide Oehmen, Rheinische Post, 14.01.2024

Unbedingt sehenswert!

Wut, Verzweiflung, Leidenschaft: Wird die große Liebe im Kerker überdauern bis in den Tod? Stefan Heucke zeigt es in „Aida – Der 5. Akt“. Warum die Auftragsoper mehr ist als eine bloße Verdi-Fortsetzung – und unbedingt sehenswert.

Was passiert nach dem Ende der Oper „Aida“, wenn der wegen Hochverrats bei lebendigem Leibe eingemauerte Feldherr Radamès auf seine ihm heimlich gefolgte Geliebte Aida trifft? Diese Frage beschäftigte Stefan Heucke, einen der renommiertesten Komponisten unserer Tage, schon als jungen Mann. Doch erst im Jahre 2021, als das Theater Krefeld Mönchengladbach einen Kompositionsauftrag an ihn vergab, begann der Künstler, sich ernstlich mit der Konkretisierung dieser Frage zu beschäftigen. „Aida – Der 5. Akt“ hatte jetzt Premiere.

[…] Die Musik Stefan Heukes bezieht sich – manchmal offen, dann wieder kaum merkbar – auf Giuseppe Verdi und sein Meisterwerk. „Das gesamte motivische Material ist aus drei Motiven abgeleitet – dem Aida-, dem Amneris- und dem Radamès-Motiv“, erklärt der Komponist die Konzeption seines Werkes.

Aida ist (statt des Soprans im Original) hier eine Mezzopartie – Radamès kein strahlender Tenor, sondern Bariton. Das entspricht eher der sehr tragischen Handlung.

Begleitet werden die Protagonisten lediglich von sechs Streich- und Blasinstrumenten sowie Klavier. Heuckes Musik, die auch den Wohlklang nicht ausspart, stellt selbst beim ersten Hören keine unüberwindlichen Schwierigkeiten für das Publikum dar.

Regisseur und Bühnenbildner Dennis Krauß unterstreicht die Kargheit mit einem schräggestellten, begehbaren blauen Kubus, was eine große körperliche Herausforderung für die beiden Akteure darstellt. Dieser Kubus lässt sich, um Radamès Wut zu verdeutlichen, auch zerlegen. Durch den Gazevorhang vor der Rückwand, hinter dem (auf einer Empore) die Instrumentalisten schemenhaft zu erkennen sind, dringt ein wenig Licht – Sinnbild der Hoffnung Aidas wider alle Hoffnungslosigkeit.

Die musikalische Umsetzung des rund 70-minütigen Opus ist hervorragend. Giovanni Conti leitet das bestens aufeinander abgestimmte Kammerorchester souverän, dabei scheinbar völlig unangestrengt. Olaf Scholz (Klarinette), Meret Fiedler (Fagott), Christian Schott (Horn), Dilyana Slavowa (Violine), Moritz Schneider (Viola), Raffaele Franchini (Violoncello) und Katie Wong (Klavier) folgen ihm aufmerksam und präzise. Trotz der Entfernung zu den Vokalisten ist die Abstimmung ohne Tadel.

Die Gesangspartien hat Heucke beiden Sängern, mit denen er intensive Vorgespräche geführt hatte, „auf den Leib geschrieben.“ Mezzospranistin Eva Maria Günschmann und Bariton Rafael Bruck, die ständig auf der Bühne sein müssen, geben sich mit totalem Einsatz und hoher Kompetenz in ihre komplizierten Rollen. Jede Nuance ihres Seelenlebens vermitteln sie fesselnd und glaubhaft. Günschmann gelingt es dank ihrer überlegten Stimmführung sogar, viele Passagen „schön“ erscheinen zu lassen.

Christian Oscar Gazsi Laki, Westdeutsche Zeitung, 14.01.2024

„Aida – der fünfte Akt“ überzeugt mit einer außergewöhnlichen ästhetischen Mixtur

[…] Nach überaus positiver Resonanz durch Publikum und Rezensenten in Mönchengladbach konnte nun auch das Krefelder Publikum die Premiere des Stückes – zwar nicht in einem Bunker – aber dennoch sehr gut funktionierend in der Fabrik Heeder erleben.

Ursprünglich war die Krefelder Premiere schon für den November letzten Jahres terminiert, musste wegen einer Erkrankung verschoben werden; folglich war mehr Zeit zur Vorbereitung. Und eine hervorragende Einstudierung sowohl bei den Solisten Eva Maria Günschmann als Aida und Rafael Bruck, Radamès, als auch bei dem Kammerensemble bestehend aus Mitgliedern der Niederrheinischen Sinfoniker unter der Leitung von Giovanni Conti sorgte nun für die nötige musikalische Souveränität.

Die Inszenierung von Dennis Krauß (er erdachte sich auch Bühne und Kostüme, Dramaturgin ist Ulrike Aistleitner) spricht rein optisch eine sehr erfreulich minimalistische Sprache. Das ist sehr effektiv, wirkt „modern“ und dennoch nicht zu kühl. […]

Es klingt irgendwie nach großer Oper und dann doch nicht, nach Spuren Neuer Musik und dann doch nicht, nach einer ganz persönlichen Tonsprache, die stark durch Alban Berg und noch mehr durch Kurt Weill inspiriert scheint, und doch nicht. Dadurch, dass Heucke eine opernhafte Ästhetik im Gesang fordert, die perfekt auf die Stimmen der beiden Solisten maßgeschneidert scheint, zeitgleich aber jenes Ensemble an Begleitinstrumenten wählt, entsteht – so wie die Bühne selbst – ein ästhetischer Schiefstand. […]

Größter Dank gebührt der Hingabe beider Sänger. Denn ein solches „Duett“, das gerne an Tristan, Sieglinde und Siegmund oder dergleichen erinnern mag, braucht absolute Hingabe. Musikalisch und szenisch, sonst ist eine solche Produktion nicht zu verwirklichen. Günschmanns Mezzo-Stimme – sie hatte diesen Zauber schon bei der Aufführung von Mahlers 3. Sinfonie – scheint sich in dieser Art von Rollen absolut gefunden zu haben. Große lange sängerische Gesten, nicht zu viel Höhe, aber dafür mehr Bogen. Vergleichbares gilt für den immer liedhaft zu denken scheinenden Bruck, der sich in der für ihn geschriebenen Bariton-Partie bestens aufgehoben zu fühlen scheint.

Ohne Contis sichere Leitung durch die klug, weil praktikabel, geschriebene Partitur von Heucke wäre dies aber gewiss alles nichts wert. Also gilt auch ihm großer Dank des Publikums, das am Ende allen Akteuren langen und sehr herzlichen Applaus spendete.

Andreas Falentin, Die deutsche Bühne, 04.09.2023

Eine fesselnde, dichte Oper und eine gelungene Verdi-Überschreibung!

Verdi-Überschreibung am Theater Krefeld Mönchengladbach im Vorstadt-Bunker auf dem Land, zweimal Theater-Neuland. Dichte, begeisternde von Giuseppe Verdi hörbar inspirierte Musik, aufgeführt von einem tollen Ensemble von Musikern und Sängern – und einer leicht fremdelnden Inszenierung.

Es ist gelungen. „Aida – der fünfte Akt“ ist nicht nur eine fesselnde, dichte Oper von 70 Minuten Länge geworden, sondern tatsächlich eine Verdi-Überschreibung. Stefan Heucke hat es geschafft, aus dem Opern-Melodram aus dem 19. Jahrhundert eine psychologisierte Zimmerschlacht aus dem 21. Jahrhundert zu machen, mit einem deutschen Libretto von Ralph Köhnen, die Akzente der Original-Oper klug wiederkäut und verschiebt, in einem waghalsigen Text-Stil irgendwo zwischen Poesie und Plattitüde.

Heuckes Musik lebt und benutzt Verdi-Motive. Verdi-Melodik und -Dramaturgie schmeckt man nebenbei immer wieder heraus. Aber nicht pur. Viele Neben- und Querstimmen stehen daneben, verzerren, überlagern das alte Material, klingen mal nach Richard Strauss, mal, zart, sogar nach Musical oder Minimal Music. Sieben Musiker:innen der Niederrheinischen Sinfoniker (Klarinette, Fagott, Horn, Violine, Viola, Violoncello, Klavier) musizieren sehr transparent und dynamisch, Kapellmeister Giovanni Conti führt sie zusammen und spinnt lange, flexible Linien, lässt das Material nicht in die Breite schießen. Die Mezzosopranistin Eva Maria Günschmann als Aida und der Bariton Rafael Bruck als Radamès steuern biegsame, schlanke und sehr textverständlich artikulierende Stimmen bei. Und der Raum spendet viel Atmosphäre. „Aida – der fünfte Akt“ findet nämlich nicht im Theater statt, sondern im Bunker Güdderath in Mönchengladbach, einem Schutzraum aus dem Zweiten Weltkrieg im ländlichen Vorort, zum Konzert- und Theatersaal gemacht durch eine private Initiative. Und ein idealer Ort für dieses Werk, auch wenn die akustischen Möglichkeiten, vor allem die zu laute Verstärkung der Singstimmen, vielleicht noch nicht ausgeschöpft sind.

Etwas wenig glücklich ist diese szenische Ausgestaltung gelungen. Dennis Krauß, auch für die Ausstattung verantwortlich, bildet Aidas und Radamès` argumentierende Vorwurfs-Schleifen, ihr Aufeinandertreffen, Zurückweichen und Zusammenschließen nicht ab, hört nicht auf die langen Linien in der Musik. Stattdessen sehen wir Posen, wie Handlungskapitel, schnell gebaut, schnell aufgelöst, sachlich fast. Die Körper wissen zumindest am Anfang nichts von Liebe, die stiehlt sich erst nach und nach ins Spiel. Vielleicht auch ausgelöst durch die Kostümauswahl – Anzug für ihn, ärmelloses Kleid für sie – die willkürlich und dekorativ wirkt.

Dennoch: „Aida – der fünfte Akt“ rührt durch Musik und Spiel und Raum, begeistert das Publikum, und – wichtig! – bringt das Theater wohin, wo es noch nicht war, zu Menschen, die noch nicht Theaterzuschauer waren, aber jetzt gerührt vom Spiel aufstehen. Auch das ist Nachhaltigkeit.

Michael Kaminski, concerti, 05.09.2023

Günschmanns Aida grenzt an eine Offenbarung!

Die Frage, was denn eigentlich mit dem eingemauerten Liebespaar Aida und Radames geschieht, bewegt Tonsetzer Stefan Heucke seit Jugendzeiten.

Im Verein mit seinem Librettisten Ralph Köhnen gibt er darauf nach langen Jahren der Inkubation nun die siebzigminütige Antwort. Deren Eindringlichkeit basiert ganz wesentlich auf den Entscheidungen für ein Kammerspiel statt Grand opéra sowie den Wechsel der Stimmlagen vom Sopran in den Mezzosopran für Aida und vom Tenor in den Bariton für Radames. In den sieben Szenen des Werks lernen sich der ägyptische Ex-Feldherr und die äthiopische Prinzessin erst wirklich kennen. Deutlich wird, welche mentalen, religiösen und politischen Hürden diese Liebe im Flug zu nehmen vermeinte.

In der Gruft aber sind die Hindernisse neuerlich aufgestellt, angesichts des Todes drohen die Beharrungskräfte von Herkommen und Sozialisation Oberhand über die Liebe zu gewinnen. Immer wieder muss Aida sich bezwingen, um in Radames nicht den bloßen Exponenten einer Kolonialmacht zu erblicken, sondern den Mann, den sie liebt. Dem Konfliktgeladenen steht die Vision einer religiös, kulturell und gesellschaftlich versöhnten Welt als utopischer Lebensraum für das Paar gegenüber. Die Liebe bleibt trotz letztlich unlösbarer Konflikte nicht auf der Strecke. Irgendwann setzt Radames‘ Herzschlag aus. Aida versinkt in die Finsternis des Grabes.

[…] Heuckes Partitur ruht sich nicht auf für das Publikum sofort identifizierbaren Zitaten und Anspielungen auf Verdis Ägyptenoper aus. Zwar legt Heucke mit einer regelrechten Zitat-Kanonade los, bald aber verwebt sich Verdis musikalisches Idiom in die Klangsprache der Novität, indem Heucke selbst ersonnene melodische Linien in Verdis Manier moduliert oder – umgekehrt – Melodien Verdis nach eigener Façon umformuliert. Ungeachtet einiger Ruhepunkte durchpulst das Werk packende dramatische Schlagkraft. Keine Frage, Heucke verwandelt sich den Stoff und dessen musikalische Herausforderungen auf ganz eigene Weise an.

Die Uraufführung arbeitet dem Werk szenisch wie musikalisch faszinierend zu. Dennis Krauß fungiert in Personalunion als Regisseur sowie Bühnen- und Kostümbildner. In den Bedrängnissen, Zwisten und der Fremdheit ihrer Beziehung lässt Krauß das Paar durch vehementen Körpereinsatz, große Gesten fern aller Opernkonvention und nimmermüdes Anspielen gegen die Wände der Gruft aufs Ganze gehen. Die beiden Spielenden leisten dabei wahrlich Schwerstarbeit. Erst mit dem Ableben des Radames und der Todeserwartung der Titelfigur stellt sich tatsächlich Stille ein.

Die Uraufführung findet im vom Theater-Krefeld Mönchengladbach gelegentlich genutzten Bunker Güdderath statt. Der schuhkartonförmige Veranstaltungssaal erzeugt mit seinen nackten Betonwänden ohnehin eine gewisse Beklemmung. Dass die Figuren dazuhin auf steil-schräger Ebene agieren steigert diese Empfindung noch. Kostümlich deutet sich bei Radames höfische und militärische Uniformiertheit an, Aidas Robe changiert gleichermaßen zwischen Repräsentation und Wehrhaftigkeit.

Trefflich koordiniert Giovanni Conti das hinter der Szene platzierte Klavier, die auf eine Galerie im Obergeschoss verwiesenen sechs Mitglieder der Niederrheinischen Sinfoniker mit Mezzosopran Eva Maria Günschmann sowie Bariton Rafael Bruck. Günschmanns Aida grenzt an eine Offenbarung. Mit jugendlich-dramatischer Attacke wirft sie sich in die für einen Mezzo recht hoch notierte Partie. Da ist geballte Leidenschaft am Werk. Günschmanns Aida, eine starke Frau voller Zorn und Liebe. Rafael Bruck verkörpert den Radames darstellerisch hoch engagiert und vokal achtbar.

Florian Meier, orpheus, 12.09.2023

Atmosphärisch, vielschichtig, exzellent!

Am Ende von Verdis „Aida“ steht der sichere Tod. Lebendig begraben in der Felsengruft, einander unendlich nah, aber auch unweigerlich ausgeliefert: Was macht das mit zwei Liebenden?

[…] Einen stimmigeren Uraufführungsort als den Bunker Güdderath kann man sich für das Setting nicht vorstellen. Der Weltkriegsbau im Süden Mönchengladbachs ist seit 2019 Schauplatz des privat gestemmten und in diesem Fall koproduzierenden Festivals Herbstzeitlose. „Die Bunker sind die Pyramiden des 20. Jahrhunderts“, meint Hausherr Bernhard Petz zur Begrüßung im beklemmend erdrückenden Veranstaltungsraum. Knapp 150 Jahre nach der Uraufführung der Verdi-Oper stellt sich die Frage „Pomp oder Kammerspiel?“ einmal nicht: „Die Steine werden uns fressen und verdauen.“ Die Grabeskälte ist omnipräsent.

Eine Produktion wie diese steht und fällt mit ihren Protagonisten. Mit Eva Maria Günschmann und Rafael Bruck bietet das Theater zwei Kräfte aus dem eigenen Ensemble auf, denen Heucke die Marathon-Partien auf den Leib geschneidert hat: zwei Magneten, die sich abstoßen, anziehen, abstoßen, nirgendwo anders mehr hin können. Günschmann durchlebt das mit dramatischen, hohen Ausbrüchen am laufenden Band, mit schneidender Schärfe und immer wieder auch tiefergelegten Momenten, die bis zum Bersten überlaufen mit dem Unaussprechlichen. Der Radamès gelingt Bruck ebenso plastisch, atmosphärisch, vielschichtig, exzellent textverständlich. Heuckes Entscheidung für Mezzosopran und Bariton erweist sich dabei als goldrichtig, der „fünfte Akt“ gewinnt umso mehr eigenen Boden abseits der klassischen „Liebes-Stimmfächer“ des 19. Jahrhunderts.

Doch es gibt da noch einen dritten Protagonisten: die Kammer mit ihren rohen Wänden, die den rasenden Veitstanz im Angesicht des Todes unerbittlich befeuert. Dennis Krauß, Regisseur und Ausstatter in Personalunion, weiß die Kulisse mit einfachen Mitteln gekonnt zu bespielen. Konzentrierte Schauspielkunst und ein schräges Podest, später zum Gerippe dekonstruiert – mehr braucht es nicht, um dem Geschehen psychologische Statur zu geben. Der Traum von einer eigenen Familie, das aggressive Aufeinanderprallen zweier von klein auf eingeimpfter Staatsdoktrinen, die Utopie einer besseren Welt, eine letzte Liebesvereinigung, die Schuldfrage, der quälend langsame Tod: Mit jeder Faser schreien Aida und Radamès nach Leben, und mit jeder Faser sind sie dem Tode geweiht. […]

Die Gruft und ihre in sich eingemauerten Seelen werden ohnehin über die Musik erst so richtig nahbar. Ein siebenköpfiges Ensemble – Klarinette, Fagott, Horn, drei Streicher und Klavier – lässt Verdi-Zitate anklingen, sich weiterspinnen und melodiös verfremden, entwickelt aber auch eine ganz eigene Klangsprache, in der die Grabkammer bleiern pulsiert und Halluzinationen (Amneris’ Schreie) schmerzhaft irrlichtern. […]

Armin Kaumanns, Rheinische Post, 05.09.2023

Theater mit Mut zum Anspruch!

Stefan Heuckes Kammeroper verlängert Verdis Klassiker ins Heute. Dennis Krauß inszeniert geometrisch intensiv.

“Die Weltkriegsbunker sind so etwas wie die Pyramiden von heute.” Wohl auch mit einem Augenzwinkern begrüßt Bernhard Petz als Hausherr die Gäste im seinem Bunker Güdderath zur Premiere und Uraufführung von Stefan Heuckes Kammeroper ,,Aida – der fünfte Akt”. Schließlich spielt die Geschichte da, wo Giuseppe Verdis Oper aufhört: Aida und Radames, lebendig begraben im Bauch der Pyramide. Es wird ein berührender, ein in seinen Unwägbarkeiten, Widersprüchen, Ambivalenzen irritierender Abend, der vom Publikum geradezu begeistert aufgenommen wird. Und natürlich trägt die gespenstische Location ihren Teil bei zum intensiven Mit-Erleben der im Grunde hoffnungslosen Geschichte.

[…] Heuckes Musik schöpft so ziemlich aus allem. Als Ouvertüre hören die Besucher einen Schnelldurchlauf durch Verdis Meisterwerk. Das kleine Orchester aus Horn, Fagott, Klarinette, drei Streichern und Klavier schwelgt in Themen und romantischen Harmonien. Diese werden in der Folge Ausgangsmaterial für eine Komposition, die mithilfe von Transformation und Variation sich nicht erschöpft, immer neue Klangwelten zu schaffen. […] Immer wieder lugt Verdi in die Partitur – sei es als Zitat, sei es als Anklang. Und immer ist die Musik ganz nah am Text, den Heucke den beiden Sänger-Solisten auf den Leib schreibt. […] Heucke ist es um größtmögliche Farbigkeit angelegen.

Beide Partien sind schwer. Beide Sänger sind dauernd auf der Bühne, Köhnen hat ein wortreiches Libretto verfasst. Dennoch schafft es Heucke als Meister der Vokalkomposition, alles singbar und ausdrucksstark umzusetzen. Günschmann wie Bruck gestalten bravourös, immer getragen von der umsichtigen und äußerst präzisen Leitung von Giovanni Conti. Der junge Kapellmeister dirigiert das im Dunkel sitzende Orchester über die Köpfe der Zuschauer von einer rund 20 Meter gegenüberliegenden Empore aus.

,,Aida – der fünfte Akt” ist für diesen Raum, für diese Sänger entstanden. Und hat mit Dennis Krauß einen Regisseur, Bühnenbildner und Ausstatter, der für die extrem fokussierte Spielsituation einen klaren Raum schafft, in dem die Akteure glänzen können. […] Ein widerständiger Ort, der selbst in seiner fortschreitenden Dekonstruktion für Konflikt, Versöhnung, Verzweiflung und Hoffnung stehen kann.

[…] Heuckes Kammerspiel rückt dem Publikum sehr nah, räumlich, akustisch, in seinem Gehalt, der wie nebenbei die großen Fragen der Menschheit und die Verwerfungen unserer Tage thematisiert. Zur Saisoneröffnung setzt das Haus von Intendant Michael Grosse ein vernehmliches Zeichen für ein Theater mit Mut zum Anspruch.

Markus Lamers, Der Opernfreund, 05.09.2023

Zwei ganz hervorragende Darsteller!

Sicherlich kennt jeder Opernfreund Giuseppe Verdis Oper Aida, die damit endet, dass der des Hochverrats beschuldigte Radamès unter einem Tempel lebendig begraben wird.

Zuvor hatte sich bereits seine Geliebte Aida in die Gruft geschlichen, um hier die letzten Stunden des Lebens gemeinsam mit Radamès zu verbringen. Doch was passiert in diesen letzten Stunden vor dem Tod wirklich? Diese Frage beschäftigte den Komponisten Stefan Heucke bereits als siebenjähriger Junge, nachdem er eine Aufführung der Aida in der Stuttgarter Staatsoper besuchte, was gleichzeitig sein erster Opernbesuch überhaupt war. […] Und in der Tat eignet sich die Location sehr gut für diese Geschichte, denn als Zuschauer erlebt man hier einen fast schon immersiven Theaterabend in einer ganz besonderen Atmosphäre.

Das deutsche Libretto stammt von Ralph Köhnen, dem es gelungen ist, die Beziehung zwischen den beiden Hauptfiguren in rund 70 Minuten spannend weiter zu erzählen. Eine Mischung aus Liebe, Zweifel, Hoffnung und Verzweiflung (aufgelockert in der zweiten Szene durch einen kurzen Rückblick in die Kindheit der beiden) in klaren, teilweise aber auch poetischen Worten, lässt den Zuschauer aufmerksam bei der Sache bleiben. Vorteilhaft hierbei auch die gute Textverständlichkeit durch die Mezzosopranistin Eva Maria Günschmann als Aida und dem Bariton Rafael Bruck als Radamés. Zwei ganz hervorragende Darsteller, denen es in diesem Fall auch zu Gute kommt, dass diese Oper speziell für ihre Stimmen geschrieben wurde. Das ist musikalisch eindrucksvoll und dem am Ende fast 10minütigen Beifall allemal wert. Beide sind in dieser Kammeroper zuvor 70 Minuten im Dauereinsatz, denn das Libretto ist schon extrem wortreich angelegt. Am Ende scheinen beide daher auch spürbar erleichtert, die anwesenden Zuschauer sind sichtlich begeistert von dieser besondere Uraufführung zum Beginn der neuen Spielzeit am Theater Mönchengladbach.

Mit der Uraufführung von “Aida – Der fünfte Akt” zeigt das vergleichsweise kleine Theater Krefeld-Mönchengladbach einmal mehr, dass es im Musiktheater auch spannende Abende abseits des üblichen Repertoire zu entdecken gibt. Hierfür gebührt allen Verantwortlichen großer Respekt. Ein Besuch der Vorstellung im Bunker Güdderath ist ein sicherlich nicht alltäglicher Theaterabend, der lange im Gedächtnis bleiben wird.

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