Der georgische Theatermacher Mikheil Charkviani verarbeitet in diesem Theaterprojekt der Reihe Außereuropäisches Theater seine Erfahrungen als politischer Aktivist in Zeiten großer gesellschaftlicher Veränderungen in seinem Heimatland. Dabei stößt er nicht nur auf existenzielle, sondern auch auf künstlerische Fragen, zum Beispiel: Wie kann der Einzelne sich gegenüber einem übermächtigen System Gehör verschaffen? Darf oder muss man die Demokratie auch mit Gewalt verteidigen, wenn sie systematisch abgebaut wird? Was kann eine künstlerische Perspektive in diesem Zusammenhang leisten und wie kann Kunst zu einem wirkungsvollen Faktor werden?
Zusammen mit vier Schauspieler*innen des Gemeinschaftstheaters hat Mikheil Charkviani zunächst Material für sein Stück Farbe gesammelt. Dabei spielten auch die persönlichen Erfahrungen der Beteiligten mit zivilem oder persönlichem Widerstand im Alltag eine Rolle. Ergänzt wurde seine Recherche durch Gespräche mit Aktivist*innen u.a. aus lokalen Umweltgruppen über ihre Protest- und Widerstandserfahrungen am Niederrhein. Entstanden sind so zehn inhaltlich verknüpfte Szenen, die thematisch um Widerstand kreisen und von den vier Darsteller*innen kunstvoll performt werden.
Leitung
Besetzung
Von Angela Wilms-Adrians, 23.02.2026, RP Mönchengladbach„Farbe“ – Widerstand als Form des Überlebens
“In dem Stück greift der Georgier Mikheil Charkviani eigene Erfahrungen als politischer Aktivist auf. Zur Uraufführung des Stücks auf der Studiobühne des Theaters Mönchengladbach agiert das Ensemble ausdrucksvoll, symbolstark und herausfordernd. (…) Entstanden ist ein dokumentarisches Theaterstück ohne dramatische Handlung. Stattdessen sind komplex verschachtelte Sequenzen zu zehn inhaltlich verknüpften Szenen verwoben. Vermutlich bedarf es mehrerer Vorstellungsbesuche, um die Vielschichtigkeit in ihrer Gänze wahrzunehmen. Zur Premiere wurde auf eine Einführung zum Stück aus organisatorischen Gründen verzichtet. Doch das Angebot besteht für die weiteren Aufführungen. Das Ensemblespiel überzeugt durch Intensität und auch in der Annahme der Herausforderungen an die betonte Körperlichkeit, vor allem an Nicolas Schwarzbürger. Zu Beginn tritt er fast entblößt, wehrlos auf, windet sich in ein von ihm zuvor an die Hand gebohrtes T-Shirt. Insbesondere sein Spiel dürfte biografische Züge des Autors spiegeln. Der Schauspieler sprüht Graffiti, flüchtet, schreit seine Entschlossenheit, seine Wut heraus, gibt den Gehetzten, ringt mit der Farbe.”
Andreas Falentin am 21. Februar 2026, Die Deutsche BühneGedanken aus Georgien
“Zumal „Farbe“ im engeren Sinne kein Theaterstück ist, sondern eher Material für eine Performance mit starken Bildern und monologischem Sprechen. Antriebskraft ist die Wut des Autors – im Spiel der Schauspieler:innen fühlbar, sichtbar wie die sprichwörtliche Fliege im Bernstein: im Sarkasmus von Esther Keil, in der Erschöpfung von Nicolas Schwarzbürger, in den eleganten Satzketten von Kristina Gorjanowa oder im starken Schweigen von Adrian Linke. (… )Dafür gibt es großartige, auch sehr gut geführte Schauspieler:innen, die diesem Abend viel Leben geben. Etwa in der großen Szene in der Mitte des 100-minütigen Abends, als Gorjanowa, Keil und Schwarzbürger in einer Art Staffel ihr eigenes Leben erzählen, kombiniert mit politischen Ereignissen. Oder wenn Esther Keil den Schlager „Am schönsten ist es zu Hause“ von Elfi Graf singt – mit beißender Ironie und am Ende im Duett mit Adrian Linke: als ein Sich-Abschließen des Individuums vor der Welt. Am Ende schweigt Linke, die Terrakotta-Armee wird auf der Bühne sichtbar, und er reiht sich ein – als Teil der schweigenden Mehrheit. Besser als nichts? Ich weiß es nicht.”