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Schauspiel

Nathan der Weise

Dramatisches Gedicht von Gotthold Ephraim Lessing Leitung Besetzung

14. Januar 2023 – 5. April 2023

Dauer 150 Minuten mit 1 Pause

Was ist das für ein Gott, der für sich muss kämpfen lassen?

Jerusalem während der Kreuzzüge im 12. Jahrhundert. Zurzeit herrscht Waffenruhe zwischen Moslems und Christen. Doch die Kriegsparteien erheben Anspruch auf die heiligen Stätten, leitet doch jede, genau wie die Juden, den Ursprung ihres Glaubens von hier ab.

Als der jüdische Kaufmann Nathan von einer Reise zurückkehrt, findet er sein Haus in Trümmern. Nur knapp ist seine Tochter Recha dem Tod entronnen, denn ein christlicher Tempelritter hat sie aus den Flammen gerettet. Über ihre Glaubensgrenzen hinweg entwickelt sich zwischen den beiden eine wechselvolle Liebesgeschichte. Während Nathan zum muslimischen Herrscher Sultan Saladin gerufen wird, der ihm eine gefährliche Frage stellt: „Welches ist die wahre Religion?“ Klug ausweichend erzählt ihm Nathan die Geschichte von einem Vater mit drei Söhnen und seinen drei Ringen, die für die drei Weltreligionen stehen …

Mit Nathan der Weise ruft Lessing zum interreligiösen Dialog auf, getragen von Respekt, Toleranz und Humanismus. Schnell wurde sein „dramatisches Gedicht“ zu einem Klassiker der Aufklärung und ist es bis heute geblieben.

Henschkes große Rolle zum Abschied

Toleranz und Respekt müssen errungen werden

Schauspieldirektor Matthias Gehrt und Schauspieler Joachim Henschke verlassen zum Ende der Spielzeit das Theater Krefeld Mönchengladbach. Lessings „Nathan der Weise“ haben sie sich zum Abschied gewünscht. Aber kann man das heute noch spielen, dieses hohe Lied auf Toleranz und Menschlichkeit aus dem Geist der Aufklärung? Ist die nicht spätestens in den Gaskammern der Konzentrationslager gescheitert? Die Premiere des Klassikers fand jetzt im Stadttheater statt. […]

Gespielt wird in einem rechteckigen Sandkasten, der Sand ist schwarz wie Asche. Hier ist Lessings „Ideendrama“ nicht mehr unbefleckte Utopie, sondern ein Trotz-alledem, das errungen werden will.

Am Anfang gibt’s die Definition der Aufklärung des Philosophen Immanuel Kant, der berühmte Beginn lautet: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Joachim Henschke (Nathan), Katharina Kurschat (Recha), Esther Keil (Daja), Christoph Hohmann (Saladin) und David Kösters (Tempelherr) sprechen den Text im Chor, tragen dabei zeitlose Alltagskleidung (Kostüme: Petra Wilke). Dann entledigen sie sich ihrer Jacken und Schuhe, steigen in den Sand und streifen dort charakteristische Kostümfragmente über. […]

Vorurteile gegenüber den anderen nur wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer anderen Religion beherrschen alle Figuren mehr oder weniger. Dem jungen Tempelherrn und vor allem Saladin muss Nathan ihre Ressentiments gegen Juden in langen Dialogen widerlegen. Bei Saladin operiert Nathan da mit der berühmten Ringparabel, die zeigt, dass weder Christen noch Judentum noch Islam die Wahrheit allein für sich reklamieren können.

Handlung gibt es wenig, das Stück ist vor allem Debatte. Entscheidend ist die Haltung der Figuren. […] Nathan ist Rationalist und Denker, aber auch dies: ein Opfer. Seine Familie wurde von Christen bei einem Pogrom ermordet. Und trotzdem hat er das vermeintliche Christenkind Recha adoptiert, beharrt auf Vernunft und Versöhnung. Die Stärke von Henschkes Rollengestaltung: auch die Verzweiflung und die Dunkelheit der Erinnerungen seines Nathan sichtbar zu machen. […]

Kurschats Recha ist naiv-schwärmerisch, Kösters Tempelherr ein wankelmütiger Trotzkopf. […] Die wohlmeinend intrigante Amme Daja spielt Esther Keil vom Blatt, weil sich die eigentlich vorgesehene Nele Jung bei der Generalprobe verletzte. […] Der Saladin des Christoph Hohmann ist ein freundlicher Skeptiker, und dann gibt’s noch den Patriarchen. Intendant Michael Grosse gibt ihn als kalt-unbelehrbaren Machtmenschen. Der katholische Amtschrist ist der einzige, der in seiner ideologischen Verblendung verharrt. Sein „Tut nichts, der Jude wird verbrannt“ spricht Bände. […]

Das ist ein großer Theaterabend. Die konzentrierte Textfassung hat Gehrt mit Vertrauen auf die Sprache minimalistisch und mit viel Gespür für gestische Akzente inszeniert. Am Ende viel Applaus und Standing Ovations vor allem für Henschke, aber auch fürs Ensemble und die Regie.

WZ Krefeld, Klaus M. Schmidt, 31.01.2022

Suche nach der verlorenen Vernunft

Die Premiere von „Nathan der Weise“ war erstaunlich: Sie hat Lessings Vision von der Familiarität aller Religionen als Laborversuch inszeniert – und so von uns weggerückt. Es scheint, die Vernunft muss im Labor wieder neu destilliert werden. Zudem war der Abend eine Hommage an Joachim Henschke.

[…] Vielleicht ist man als Theatergänger heute zu gegenwartsgeschädigt: Der Prolog war verstörend, weil er mehr davon erzählte, wie wir Gotthold Ephraim Lessing und Kant hinter uns gelassen haben. Heute haben Leute den Mut, Verstand und Vernunft auszuschalten, und nennen das Freiheit. Coronaleugner, Querdenker, Feinde der Demokratie, wie sie überall in westlichen Demokratien auftreten. […] Wenn Kant und Lessing uns zusehen sollten, kommen sie aus dem Lachen nicht mehr raus: Die Freiheit zur Vernunft, für die beide gekämpft haben, wird heute als Freiheit zur Unvernunft gegen die Vernunft in Stellung gebracht. Es gibt zurzeit ordentlich Anlass zu Kulturpessimismus.

Die Krefelder Nathan-Inszenierung (Matthias Gehrt) reflektiert diese Lage, indem sie das Stück bewusst als Versuchsanordnung anlegt. Vernunft ist keine selbstverständlich prägende Kraft, sie muss im Labor neu destilliert werden. Das Ganze ist an Brechts Epischem Theater geschult, man verliert sich selten in der Fiktion der Geschichte. Ein Star des Abends war das Bühnenbild (Gabriele Trinczek): ein großer Kasten aus Asche. Ein grandioses Bild. So vergaß man nie, dass das Streben nach Toleranz, das sich im Stück so schön wie im Chemielehrbuch entwickelt, aus einem Boden voller Schmerz, Leid, Tod und Zerstörung erwächst. Die Schauspieler agierten barfuß und waren so stets verbunden mit diesem Grund.

Mit einer Ausnahme: Der Patriarch Jerusalems trägt Schuhe, samt vollem Kardinalsornat. Kontakt zum Grund aus Schmerz und Leid hat er also nicht. Das war ein nachgerade brutaler inszenatorischer Einfall. Während sich die übrigen Kostüme (Petra Wilke) zeitenthoben mit zarten Anklängen an das Jahrhundert Nathans präsentierten, war dieses Kostüm eindeutig verortet – und so eine scharfe Abrechnung mit der katholischen Kirche. Michael Grosses Patriarch war ein Kabinettstückchen. Als er hört, dass Nathan ein Christenkind in jüdischer Tradition erzogen hat, wiederholt er beiläufig das fürchterliche „Tut nichts! Der Jude wird verbrannt“, ohne sich in seiner Grausamkeit im mindesten von Nathans Geschichte rühren zu lassen. Zum kirchenkritischen Eklat wurde der Satz „Denn ist nicht alles, was man Kindern tut, Gewalt? – Zu sagen: ausgenommen, was die Kirch an Kindern tut“. […] Der Satz steht so bei Lessing, der Bezug zur Gegenwart ist gespenstisch.

Die übrigen Figuren sind Geist vom Geiste Nathans. Recha (Katharina Kurschat) und der junge Tempelherr (David Kösters) sind ein schönes Liebespaar, bei dem der Komödiendichter Lessing aufblitzt: wenn beide sich störrisch in Liebe nähern. […] Christoph Hohmann gibt den Saladin als eleganten Weltmann, der mühelos zu seinem alter ego Nathan findet. Auch Saladin ist kein Hassender, ein Menschenkenner, lebensklug und gewitzt wie Nathan – und im Zweifel zur Milde neigend.

Und Nathan? Joachim Henschke gibt ihm viele Facetten: Er ist als Vater liebevoll, streng, hart; gegenüber Saladin lebensklug, listig, augenzwinkernd – Henschkes Nathan darf am ehesten Momente des Illusionstheaters ausspielen. Dazu kommt: Henschke ist mit seinem Charakterkopf und der Physis eines über 70-Jährigen schon der Erscheinung nach ein ergreifender Nathan: gebeugt weniger vom Alter als von grauenhaften Erfahrungen. Seine wohl stärkste Szene war der Monolog, in dem er das Schicksal seiner Familie und Rechas erzählt. Man vergaß das Labor und war gefangen von der Erzählung: Da stand ein Mensch, der in appellativer Verzweiflung von seinem Leben berichtet – appellativ, weil er gegen den Lauf der Geschichte auf Vernunft und Humanität setzt.

Am Ende erhob sich das Publikum und spendete Henschke minutenlang Applaus – sicher auch Dank für ein beeindruckendes Lebenswerk. […]

RP Krefeld, 31.01.2022, Jens Voss

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