Ein Sturm eröffnet den Abend – und er legt alles offen. In Otello erzählt Giuseppe Verdi von einer Liebe, die unter Druck gerät, von Macht, Manipulation und der zerstörerischen Kraft von Misstrauen. Im Zentrum steht der gefeierte Held Otello, der langsam die Kontrolle verliert. Jago, brillant und skrupellos, setzt gezielt Zweifel in Gang – Worte werden zu Waffen, Nähe zu Bedrohung. Verdis Musik treibt diese Dynamik unaufhaltsam voran: kompromisslos, emotional und von beklemmender Intensität.
Otello ist vielleicht Verdis radikalstes Musikdrama. In seiner vorletzten Oper, 1887 an der Mailänder Scala uraufgeführt, verdichtet der Komponist Shakespeares Tragödie zu einem psychologischen Kammerspiel mit einer Partitur, die auf äußeren Glanz verzichtet und ganz auf innere Abgründe zielt. Die traditionelle Nummernoper ist aufgehoben zugunsten eines durchkomponierten Dramas, dessen eruptive Ausbrüche und fragile Stillstände einander bedingen. Der berühmte Sturm zu Beginn der Oper ist kein bloßer Effekt – er ist Vorzeichen eines inneren Chaos‘, das bis zum tragischen Ende nicht zur Ruhe kommt. Otello ist Oper als existenzielle Zumutung – kompromisslos, modern und von ungebrochener Aktualität.
Sensibilitätshinweis: Diese Inszenierung enthält Darstellungen von physischer und psychischer Gewalt im Kontext der Kriegsthematik sowie Stroboskopeffekte.
Einführung zur Inszenierung vor Ort
Jeweils 45 Minuten vor Vorstellungsbeginn wird an allen Terminen (ausgenommen die Premiere) eine Stückeinführung im linken Seitenfoyer des Theaters Krefeld angeboten. Dauer der Einführung: ca. 30 Minuten. Sitzplätze nur begrenzt verfügbar. Der Eintritt ist im Ticket enthalten.
Angeber-Wissen für die Pause
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Kurze Inhaltsangabe für sehr Nervöse!
Wo hat sie denn jetzt schon wieder das Taschentuch liegen lassen?! -
Otello, der „Mörder“ unter den Tenor-Partien
Die Rolle des Otello gilt unter Sängern bis heute als eine der physisch und stimmlich anspruchsvollsten Partien überhaupt. Unmittelbar nach dem Eröffnungssturm der Oper fordert die Partie mit dem berüchtigten „Esultate!“ einen hohen, kraftvollen Ausruf, der ohne stimmliche Vorbereitung die maximale Stimmgewalt abverlangt. In der Inszenierung von Roman Hovenbitzer am Gemeinschaftstheater übernimmt Gastsolist Mickael Spadaccini die herausfordernde Partie. -
Rentner im Unruhestand
Nach dem Erfolg seiner Oper Aida (1871) hatte sich Verdi eigentlich schon über ein Jahrzehnt von der Opernbühne zurückgezogen und „in den Ruhestand verabschiedet“. Erst der Komponist und Dichter Arrigo Boito lockte ihn mit einem Libretto nach Shakespeare zurück. Immer wieder unterbrach Verdi die Arbeiten an der Partitur und ließ sich die Möglichkeit offen, die Oper gar nicht aufzuführen. Im Herbst 1886 schloss Verdi die Arbeit an der Oper dann aber ab. -
Keine einfache Nummer!
Otello brach 1887 bei der Uraufführung radikal mit den Konventionen der traditionellen italienischen Oper. Verdi komponierte keine klassischen, isolierten Arien oder Duette mehr, nach denen das Publikum applaudieren konnte (sogenannte Nummern), sondern die Musik fließt in Otello in einer „unendlichen Melodie“. -
Die größten Hits
Leidenschaftliche Opernfans würden sagen: Die ganze Oper ist ein einziger Hit! Besonders lässt sich hier aber das Liebesduett „Già nella notte densa“ im 1. Akt zwischen Otello und Desdemona hervorheben. Außerdem ist das „Credo in un Dio crudel“ des Jago im 2. Akt eine berühmte zynische Arie.
VIDEO-INTERVIEW
Leitung
Besetzung
Petra Diederichs, Rheinische Post, 28.09.2026Diesen Otello vergisst man nicht!
Otello ist der große Außenseiter. Im Theater Krefeld ist die Oper von Verdi mit einem Protagonisten zu sehen, der hoch aktuell ist, kein schwarzer Held, sondern ganz anders. Roman Hovenbitzers Inszenierung ist gewaltig. Man kann sie nicht abschütteln.
[…] Roman Hovenbitzer hat einen Thriller inszeniert. Da fährt einem der Schrecken bis ins Mark. Atemlos verfolgt man den Untergang der Humanität und Menschlichkeit. Auf dem Schlachtfeld brennen noch die letzten Gefechtsfeuer, da treten durch die Nebeneingänge Soldaten in den Theatersaal, flankieren die Sitzreihen. Mit mächtigem Klang halten sie Ausschau nach Otello und seinen Leuten. Die Anspannung ist spürbar und wird fürs Publikum körperlich erfahrbar durch die Präsenz und die saalfüllende Musik.
[…] Regisseur Roman Hovenitzer erzählt hier nicht die Geschichte des diskriminierten schwarzen Mannes. Er enthebt die Oper der Black-Facing-Diskussion. Otello ist ein Versehrter, ein von Krieg und Töten zerstörter Mensch, der auch schon deshalb ausgegrenzt ist, weil er selber nicht mehr an das Gute glauben kann. Hautfarbe und kulturelle Herkunft spielen keine Rolle. Das Publikum sieht den erbarmungslosen Untergang eines durch Unmenschlichkeit unmenschlich Gewordenen.
Otello ist Hochleistungssport für einen Tenor. Mickael Spadaccini ist ein überwältigender Otello, stimmlich wie darstellerisch. Jedes Gefecht, das sich in seinem Inneren abspielt, bringt er in Mimik, Körperhaltung und leuchtender Stimmlage nach außen. Ganz sanft wird er, wenn Desdemona seine Wunde säubert. Unberechenbar schlägt er um, wenn ihn Erinnerungen quälen, wenn die Gegenwart ihn triggert. Ein überdimensionales Auge, das im Bühnenhintergrund erscheint, zieht das Publikum in die düstere Innenwelt Otellos. Es ist ein bisschen Twilight Zone und etwas Psycho. Es ist klar, dass dieser Soldat eine tickende Zeitbombe ist. Und obwohl man weiß, dass sie am Ende hochgehen wird, lässt in Hovenbitzers Regie die Spannung über fast drei Stunden keinen Moment nach.
[…] Das Orchester ist laut und flammend, zart und mitleidend. […] Hovenbitzer hat ein Topteam zur Verfügung – bis in die Nebenrollen. Luka Brajnik ist ein undurchsichtiger Jago mit dunklem Tenortimbre. Fies treibt er seine Machenschaften, manipuliert er erst Cassio (Woongyi Lee), dann Otello und erfüllt sein Motto: „Ich bin ein Verbrecher, weil ich ein Mensch bin.“ […]
Alfred Peter hat dem Untergang der Menschlichkeit ein symbolstarkes Bühnenbild gegeben. Bedrängend dunkle Wände, fahrbare Elemente, in denen Feuer inszeniert werden. Eine Blechwand mit der Kontur eines Menschen, die wie eine Hinrichtungswand wirkt, und vor der Jago kurz die Pose des Gekreuzigten einnimmt. Die Falschheit und die Lust, Otello in den Untergang zu stürzen, lässt Brajnik in seiner Kehle geradezu lodern. Mit Sofia Poulopoulou als Desdemona ist ein hochklassiges Trio besetzt. Wenn sie über die Bühne schreitet, in ihrem weiten Mantel (Kostüme: Susanne Hubrich) mariengleich das auf Holzkisten steht, den Mann, den sie immer noch liebt, aber nicht mehr erreichen kann, zu trösten versucht – dann kann die Welt kurz Hoffnung schöpfen. […]
Poulopoulous Sopran ist von großer Wärme und voller emotionaler Nuancen. Sie reift von Partie zu Partie und macht sich jede Rolle zu eigen.
[…] In wilder Verzweiflung und wahnsinniger Raserei hat Spadaccini seinen Verdammten toben lassen. Im zweiten Teil der Oper, die dem Tenor Äußerstes abverlangt, hat er das Gaspedal bis zum Anschlag durchgetreten. […] Offen bleibt die Frage, ob man nun mit ihm Mitleid haben darf. Spadaccini, Brajnik und Poulopoulou sind ganz große Oper. Auch die übrigen Solisten und die Chöre sowie das Orchester sind so intensiv, dass sie die dunkle Oper leuchten lassen. Ein fulminanter Auftakt, der lange und mit vielen Bravorufen vom stehenden Publikum gefeiert wurde.
Christian Oscar Gazsi Laki, Westdeutsche Zeitung, 28.09.2026Eine szenisch wie musikalisch überragende Produktion!
[…] Die Premiere zum Spielzeitauftakt 2026/27 am Krefelder Haus unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Mihkel Kütson wurde mit großem Jubel gefeiert. Und das Publikum hat recht. Der Musiktheatersparte des Theaters (Dramaturgie: Operndirektor Andreas Wendholz, Ulrike Aistleitner) ist mit dieser Produktion erneut ein großer Wurf gelungen; szenisch modern, mit einem raffinierten Dreh, anpackend und musikalisch den höchsten Ansprüchen genügend.
[…] Hovenbitzers Otello, der zum Spielball des Intriganten Jago wird – eine durch und durch mephistophelische Figur, mit einer Schwäche für Feuer –, ist ein (weißer) traumatisierter Kriegsrückkehrer. Der Kriegszustand, die Menschen in Tarnuniform (Kostüme: Susanne Hubrich), bleiben um ihn unentwegt präsent. Wie Schatten. Prägen den dunklen, mit Lamellen versehenen Raum (Bühne: Alfred Peter), der sich verengen und auffächern kann, den Blick auf das „innere“ Auge oder glühendes Feuer öffnet.
[…] Vor allem auch die sängerischen Qualitäten dieser Produktion sorgten für nicht enden wollende Bravo-Rufe. Allen voran Sopranistin Sofia Poulopoulou als Desdemona, der es nicht nur wunderbar gelang, die in ihre Rolle gelegte – heilige – Unschuld szenisch zu verkörpern. Ihre beglückend geschmackvoll geführte, perfekt sitzende Stimme ist ein Glanzpunkt. Ihr Farbenreichtum exquisit. Den mehr und mehr in Otellos Kopf eindringenden diabolischen Jago verkörperte der slowenische Bariton Luka Brajnik und ließ stimmlich und schauspielerisch wirklich keine Wünsche offen. Die „Höllenpartie“ des Otello wurde Mickael Spadaccini – ebenfalls Gast – anvertraut. Ihm gelang es, die psychischen Zustände Otellos mit großer Überzeugungskraft darzustellen und dabei noch Luft zu haben für die dramatischen Fallhöhen dieser Partie. Wobei er vor allem auch in sanfteren Momenten Zauber entfachen konnte. Feinstimmig, edel singend Woongyi Lee als Cassio, emotional Eva Maria Günschmann als Emilia, Matthias Wippich profund als Lodovico und nicht zu vergessen Rafael Bruck als Montano sowie Ramon Mundin aus dem Opernstudio als Roderigo. Der Chor (samt Extrachor), der zum Teil von der Seite des Zuschauerraums auftrat, sorgte für die nötige Dramatik; überzeugte auch in den jeweiligen Szenen mit einer sorgsamen Umsetzung des Regiekonzepts.
[…] Hovenbitzer und sein Team vermögen beeindruckende Tableaus zu kreieren, voller Kraft und Wucht. […]
Die Niederrheinischen Sinfoniker spielen unter Kütson einen wohlklingenden Verdi-Klang. Halten Szene und Gesang, trotz großer Dramatik, fast immer perfekt zusammen. Ein großer Abend, über den man noch viel mehr erzählen könnte.
Markus Lamers, Der Opernfreund, 29.09.2026Fulminant!
[…] Es ist immer wieder aufs Neue erstaunlich, mit welcher musikalischen Qualität das Gemeinschaftstheater am Niederrhein nahezu jede Musiktheaterproduktion auf die Bühne bringt.
[…] Der Ansatz, die Geschichte in Otellos Kopf spielen zu lassen, ist sicherlich nicht neu. Da er hier aber konsequent durchdacht ist, ist dagegen auch nichts einzuwenden, im Gegenteil. Otello ist ein absoluter Außenseiter, und die Bilder, die er im Krieg gesehen hat, lassen ihn nicht mehr los. Hovenbitzer spricht in diesem Zusammenhang von einem „eigenen psychischen Gefängnis“, in dem sich Otello befindet. Dies wird in den rund drei Stunden Aufführungsdauer sehr stringent dargestellt. Hinsichtlich der optischen Gesamtumsetzung entsteht unweigerlich der Eindruck, dass dem Krefelder Publikum in dieser Spielzeit noch einmal ein großes und in dieser Form beeindruckendes Bühnenbild geboten werden sollte, bevor ab der kommenden Spielzeit für einige Jahre ins Theaterzelt ausgewichen werden muss. Dies zieht sich allerdings nicht durch den ganzen Abend: Stellenweise wird die Oper fast zu einem intimen Kammerspiel, was durchaus zur Handlung passt. Besonders deutlich wird dies im Duett zwischen Otello und Desdemona, in dem Otello seine Frau von sich weist und im Anschluss daran völlig verzweifelt. Auch im Zusammenspiel der beiden männlichen Hauptrollen kommt es immer wieder zu kammerspielartigen Szenen, die von den beiden Gastsolisten Mickael Spadaccini und Luka Brajnik trefflich umgesetzt werden. Zudem sieht Hovenbitzer die Figur des Jago nicht nur als Person, sondern vielmehr als Prinzip oder als treibende Kraft in unserer Welt, „der moralische und emotionale Kriterien abhandengekommen sind und die sich der destruktiven Ängste und Schwächen der Menschen bedient“. Diese Deutung funktioniert sehr gut.
[…] Neben den beiden Gästen in den männlichen Hauptrollen, die sowohl gesanglich als auch schauspielerisch vollkommen überzeugen, kann das Theater in den weiteren Rollen einmal mehr auf sein starkes Musikerensemble vertrauen. In der Rolle der Desdemona versprüht Sofia Poulopoulou mit ihrem klaren Sopran eine angenehme Wärme, wenn sie immer wieder versucht, irgendwie zu Otello durchzudringen. In der Rolle des Cassio ist mit Woongyi Lee der Tenor des Hauses zu sehen. Für ihn scheint diese Rolle fast zu klein, da sich diese Oper bekanntlich stark auf die drei Hauptfiguren konzentriert. Auch Eva Maria Günschmann als Emilia, Ramon Mundin als Roderigo, Matthias Wippich als Lodovico und Rafael Bruck als Montano bekommen somit nur wenig Raum, diesen nutzen sie jedoch eindrucksvoll. Insgesamt gelingt es dem Theater Krefeld zu Saisonbeginn, einen eindringlichen Opernabend auf die Bühne zu bringen, der das Publikum zu begeistern vermag, wie der lange Applaus nach der Premiere unmissverständlich klar macht. Dabei scheut Hovenbitzer nicht davor zurück, die Schrecken des Krieges auch bildlich darzustellen und mit Otello eine Figur auf die Bühne zu bringen, die durch die Unmenschlichkeiten des Krieges sich selbst komplett verloren hat.
Ernst Müller, Extra-Tipp, 04.10.2026Die Inszenierung ist stimmig und bleibt stets spannend.
[…] Das Original des Stücks kennt Otello als Schwarzhäutigen. Aber künstliche Schwärzung des Gesichtes eines hellhäutigen Sängers ist heute nicht mehr zeitgemäß.
Regisseur Hovenbitzer verlegt das äußere Merkmal, das Otello im Original zum Außenseiter macht, ins Innere der Seele. Otello ist vom Krieg erschüttert. Wer nur Gewalt erfahren hat, vertraut der Liebe nicht mehr.
Die Kulisse (Alfred Peter) unterstreicht die Trübnis der Gedanken durch dunkle Wände, die die Weite der Bühne versperren. Die Kamerafahrt ins Innere eines riesigen Auges tut ein Übriges.
Die Inszenierung ist stimmig und bleibt stets spannend. Vier Akte umfasst die Oper, zwei vor der Pause, zwei danach. Im Orchestergraben intonieren die Niederrheinischen Sinfoniker unter Leitung von GMD Mihkel Kütson die wuchtige Musik Verdis. Sie wurden am Ende des Premierenabends ebenso stürmisch beklatscht wie die großartigen stimmlichen Leistungen der Sänger. Mitglieder des zahlreichen Chors und Extra-Chors, die den Raum körperlich und stimmlich ausfüllten, winkten denn dem Publikum beim Verlassen des Saals noch beglückt und freundlich zu.
OPER!, Guido Krawinkel, 18.10.2026Eine spannende Dreiecksgeschichte!
Roman Hovenbitzer inszeniert in Krefeld Verdis Otello und macht daraus eine spannende Dreiecksgeschichte.
[…] Otello ist ein kriegstraumatisierter Heimkehrer, ein Außenseiter, der von seinem Konkurrenten Jago systematisch mit vermeintlichen Beweisen (wie etwa dem besagten Taschentuch) dazu getrieben wird, seine Frau Desdemona aus Eifersucht zu ermorden. Jago ist dabei immer mehr oder weniger prominent im Hintergrund zu sehen, wird als treibende Kraft und verborgenes Alter Ego Otellos definiert. Das alles spielt in einem düsteren Setting (Bühne: Alfred Peter) von schwarzen Wänden und Lamellen, Feuer und Nebel, bisweilen schmerzlich grellen Lichteffekten sowie einem riesigen „Auge der Vorsehung”, das vielseitig zu mehr oder weniger bedrohlich wirkenden Räumen konfiguriert werden kann. Atmosphärisch ist das auf die Dauer gleichermaßen deprimierend wie bezeichnend und zuweilen auch körperlich regelrecht belastend: Hier sind finstere Mächte am Werk. Gleichzeitig lenkt die szenische Konzentration die Aufmerksamkeit auf die Protagonisten.
Jago dagegen, kraftvoll mit großem, aber auch ein wenig eindimensionalem Bariton von Luka Brajnik dargestellt, wirkt umso durchtriebener. Er gibt sich bis zum Schluss als Otellos Freund aus, macht ihn aber zum Täter. Herausragend ist Sofia Poulopoulou als Desdemona. Ihre höchst intensive Darstellung besticht durch stimmliche wie menschliche Wärme, Farbenreichtum und eine makellose Stimmführung.
In weiteren Rollen hinterlassen vor allem Woongyi Lee (Cassio), Matthias Wippich (Lodovico) und Eva Maria Günschmann (Emilia) bleibende Eindrücke. Gerade Letztere läuft in der dramatischen Szene im vierten Akt, als sie Otello nach Desdemonas Ermordung seinen Irrtum klar macht, zu brillanter Form auf.
Chor und Extrachor sorgen für eindrucksvolle Szenen, etwa direkt zu Beginn, als sie nach der Totenstille der ersten Momente links und rechts im Zuschauerraum auftauchen und Verdis musikalischen Sturm mit markerschütternder Wucht umsetzen.
[…] Verdis komplexe orchestrale Textur wird von Mihkel Kütson überwiegend packend umgesetzt, nur gelegentlich fehlen eine Prise rhythmische Prägnanz und polyphone Tiefenschärfe. Insgesamt aber weiß dieser Krefelder Otello über den fast dreistündigen Abend zu fesseln.
Stefan Schmöe, Online Musik Magazin, 20.10.2026Hovenbitzers Regie ist in sich schlüssig.
Was macht der Krieg mit denen, die ihn als Soldaten (und Soldatinnen) erleben? Diese Frage stellt Regisseur Roman Hovenbitzer an Verdis vorletzte Oper.
Otello wird als Kriegsheld gefeiert und erlebt direkt darauf einen beispiellosen Absturz, der ihn zum Mörder an seiner Gattin Desdemona werden lässt. Kann man dieses Verhalten mit erlittenen Traumata erklären?
Man muss hier wohl von einer “posttraumatischen Belastungsstörung” sprechen. Zu Beginn dieser Inszenierung erschießt Otello einen Mann. Man erfährt die Gründe nicht. Aber danach ist der glorreiche Feldherr ein psychisches Wrack. Hovenbitzer versetzt die Geschichte in eine gegenwärtige Kriegssituation, wobei die Uniformen der Frauen und Männer des klangprächtigen Chores (Einstudierung: Michael Preiser) ein rein schwarzes Hosenbein als irritierendes, surreal anmutendes Element aufweisen (Kostüme: Susanne Hubrich). Das Geschehen wird aus der Perspektive Otellos erzählt. Aber vielleicht spielt sich alles auch nur in Otellos Kopf ab. Jago erscheint dabei zunehmend wie Otellos Alter Ego. Man kann ihn als den inneren Dämonen verstehen, das (selbst-)zerstörerische Element seiner Seele. Dieser Ansatz hat einiges für sich, könnte dabei von der Regie noch konsequenter ausformuliert sein. Nachdem Otello – bekanntlich viel zu spät – die Intrige durchschaut, schießt er auf Jago, aber ohne Erfolg. Pistolenkugeln können der Personifizierung des Nihilismus nichts anhaben. Otello (der am Ende allein auf der Bühne liegt, aber noch am Leben ist) wird ihn nicht mehr los.
[…] Die kunstvoll geschmiedete Intrige mit dem Taschentuch, die kleinen verbalen Signale an Otello, das alles braucht es hier im Grunde nicht, weil Otello längst gescheitert ist. Mickael Spadaccini verkörpert ihn mit eher hellem, nicht zu leichtem, höhensicherem Tenor von großer Strahlkraft. Ein wenig gehen dabei die inneren Brüche der Figur verloren und auch die verhaltenen, nachdenklichen Momente. Letzteres gilt in noch viel größerem Maß für den hell-metallisch timbrierten, großformatigen Bariton von Luka Brajnik in der Rolle des Jago. Der Sänger verfügt über eine eindrucksvoll große Stimme und gibt einen furchteinflößenden Bösewicht von enormer Präsenz – aber es fehlen die leisen Töne, der zynische Unterton in den Dialogen, das untergründig Gefährliche.
Desdemona erscheint in diesem Kontext wie eine Projektion Otellos. Er trägt die Kopie eines spätmittelalterlichen Marienbildes mit sich, eine Madonna im Rosenhag, wobei die Ornamente der im Gemälde angedeuteten Architektur im nüchtern-kargen Bühnenbild (Bühne: Alfred Peter) mitunter aufgegriffen werden. Otello identifiziert Desdemona mit der Gottesmutter: Er verklärt sie zur Heiligen. Es bleibt allerdings unklar, inwieweit diese Idealisierung der Realität entspricht. Mit langem weißem Mantel hat auch die reale Desdemona auf der Bühne die Züge einer Madonna. Sofia Poulopoulou singt die Parte mit lyrischem Sopran, bewältigt aber auch die dramatischeren Passagen akzeptabel. Anrührend singt sie das “Lied von der Weide” und das “Ave Maria” im vierten Akt, bleibt aber insgesamt eine leichtgewichtige Desdemona, gerade im Vergleich zu den beiden kraftmeiernden Männern. Woongyi Lee gestaltet mit geschmeidigem Tenor einen soliden Cassio, Eva Maria Günschmann besticht als intensiv und zupackend singende Emilia.
Da Chefdirigent Mihkel Kütson die zuverlässigen, bei den Einsätzen manchmal etwas ungenauen Niederrheinischen Sinfoniker und das Ensemble auf der Bühne umsichtig durch die Aufführung steuert, ist es um die musikalische Seite gut bestellt. Die diversen Auftritte des Chores durch den Zuschauerraum wirken dabei aktionistisch. Man soll wohl mittendrin sein im Kriegsgeschehen. Das wirft die Frage vom Anfang auf: Kann man den Mord an Desdemona durch Kriegstraumata erklären? Die Gegenfrage lautet: Braucht es eine solche Ursachenforschung in dieser Oper?
Musikalisch ein guter Otello; szenisch verstellt die etwas reißerisch ausgefallene, trotzdem nicht allzu interessante Fokussierung auf Kriegstraumata den Blick auf vieles andere, was diese Oper auszeichnet.
Vorberichte in der lokalen Presse:
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Der weiße Otello
Petra Diederichs, Rheinische Post, 16.09.2026 Zum Beitrag -
Große Emotionen
Ernst Müller, Extra-Tipp, 19.09.2026 Zum Beitrag -
Otello – ein traumatisierter Außenseiter
Christian Oscar Gazsi Laki, Westdeutsche Zeitung, 22.09.2026 Zum Beitrag