Musiktheater

Der Bajazzo (Pagliacci)

Pagliacci // Drama in zwei Akten und einem Prolog // Musik und Libretto von Ruggero Leoncavallo Leitung Besetzung

20. Januar 2027 – 10. April 2027

Ca. 1 Stunde 20 Minuten ohne Pause Bajazzo-Extras vor und nach den Vorstellungen / Videos In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Vorstellungen

Eine fahrende Theatertruppe kommt in eine italienische Kleinstadt. Der Theaterleiter Canio soll in der Rolle des Bajazzo das Publikum zum Lachen bringen, während er im wahren Leben von Eifersucht und Verrat gequält wird. Als er von der Untreue seiner Frau Nedda erfährt, steuert das Geschehen unaufhaltsam auf eine Katastrophe zu. Ein tödliches Spiel, bei dem nicht mehr zwischen Theater und Realität unterschieden werden kann, nimmt seinen Lauf.

Der Bajazzo ist ein mitreißendes Psychogramm menschlicher Leidenschaften und zeigt, wie dünn die Grenze zwischen Bühne und Realität sein kann. Leoncavallos kurzes Operndrama im Stil des Verismo, das 1892 in Mailand uraufgeführt wurde, überzeugt durch emotionale Direktheit und beklemmend zeitlose Aktualität.

Foto: KI-Generiert

Video-Interview

Peter Bilsing, Der Opernfreund, 15.06.26

Ein Ausnahmeabend!

[…] Dass man bei nur einer (ja, es gibt vom üblichen Zwilling nur das zweite Werk den Bajazzo!) keinen Verlust anlässlich der fehlenden Cavalleria Rusticana empfindet, liegt an einer durch die Bank praktisch perfekten musikalischen Seite.

Ein Ausnahmeabend. Daß Meisterdirigent Giovanni Conti nach bald vier erfolgreichen Jahren nun an die Deutsche Oper Berlin wechselt, war bei einem solchen Genius vorauszusehen. Nutzen Sie liebe Opernfreunde, also unbedingt noch die letzten Termine; danach werden Sie nach Berlin reisen müssen, wo es den zigfachen Preis kosten wird, sein Dirigat zu genließen, als man jetzt noch in der scheinbaren „Provinz“ am Niederrhein für eine Opernkarte bezahlen muss.

Alle fünf Hauptakteure waren gut – Aldo di Toro (Bajazzo) und die quirlige Sofia Poulopoulou (Nedda) waren sogar absolut brillant. Leoncavallos Oper in allen Rollen ausgeglichen besetzt – dies ist auch bei erheblich größeren Musentempeln selten so zu erleben. Bravi a tutti! Rafael Bruck als Silvio ist fast überbesetzt für die relativ kleine Rolle; was für ein toller Sänger. Ramon Mundin war ein überzeugender Beppo und, der stets und immer vorbildliche präsente Bass-Bariton, Johannes Schwärsky ist weiterhin nicht nur ein Leuchtturm, sondern ein Juwel im Ensemble – eine stete Freude auch strengster Kritik. Fünf ideale Musiktheaterdarsteller. Was für ein Abend…

Nicht zu vergessen, den, wie immer, nicht nur vorbildlich und engagiert spielfreudigen, sondern auch ganz ausgezeichnet von Michael Preiser eingestimmten Chor des Theaters Krefeld Mönchengladbach. Auch hier gilt für mich, seit gut einem halben Jahrhundert, weiterhin ein höchstes „bravi“.

Nicht unerwähnt bleiben sollte das fantastische, eigentlich sogar oscarreife Hintergrund-Bühnenbild von Siegfried E. Meyer, welches leider vorne durch leer herumstehende völlig überflüssige Gerichtsrequisiten (was für eine blödsinnige Regie-Untat!) verstellt wurde.

Und auch die vorzüglich zeitlich passenden Kostüme von Karine Van Hercke bekommen ein außergewöhnliches Kritikerlob. […]

Dirk Richerdt, Rheinische Post, 15.06.26

Ein verblüffender, aber überzeugender Kniff der Regie

[…] Die Niederrheinischen Sinfoniker ergreifen die begeisterten Premierengäste nicht allein in dem Intermezzo am Ende des ersten Aktes, sondern greifen einfühlsam auch die seelische Verzweiflung des Canio auf. Der gerät in seiner großen Arie „Vesti la giubba“ an den Rand des Wahn- und Trübsinns, wenn er sich als gehörnter Ehemann zynisch selbst zur Ordnung ruft, weil er in wenigen Minuten als Spaßmacher auf der Straßenbühne genau diese Rolle des Hahnreis spielen wird.

Als Canio engagierte das Theater den australischen Sänger Aldo di Toro, der in seinem drängenden, hochdramatischen Spinto-Tenor einen ganzen Kosmos widerstreitender Gefühle vereint. Di Toro glänzt mit Wucht und Emphase, aber auch im unterirdischen Piano. Zu diesem Zeitpunkt erinnern sich die Zuschauer an den ersten Auftritt Canios im Vorspiel ohne Musik. Mayer hat dazu die Hinterbühne als Gerichtssaal gestaltet. Di Toro muss vor Beginn seiner Gesangspartie als Canio zunächst einen hinzugedichteten Sprechtext absolvieren. Dabei handelt es sich um ein Plädoyer, in dem er den unentschuldbaren Mord an Nedda zu rechtfertigen versucht. Danach wird das komplette Drama gleichsam als Rekonstruktion des Teathergangs für die Ankläger vor Gericht aufgeführt – ein verblüffender, aber überzeugender Kniff der Regie. So wird aufkommendes Mitleid mit dem Täter psychologisch eingeordnet.

Der von Michael Preiser vorbereitete Opernchor stützt die Solisten als lebhaft bewegte Volksmasse. Die Solorollen sind stringent mit Kräften aus dem Haus besetzt: Sofia Poulopoulou verleiht Nedda und der komischen Figur Colombine Herzenswärme, Impulsivität und kecken Charme. Dazu lässt sie die düstere Vorahnung des tragischen Endes schon früh in ihren aparten lyrischen Koloraturen mitschwingen. Der klangvolle Bariton Rafael Bruck spielt ihren Liebhaber Silvio mit glaubhafter, wenngleich nicht mit unbedingt südländischer Leidenschaft.

Johannes Schwärskys besonders im Bassregister wohlgefälliger Charakterbariton, sein schlaues Spiel als Strippenzieher und seine imposante Erscheinung als vollbärtiges Mannsbild in grau melierter Lockenpracht befördern den Sänger auf die Hochebene der beiden Hauptrollen. Im Stück ist der Verräter Tonio eigentlich als hässlicher Mann mit Buckel stigmatisiert. Dies wollten der Regisseur und die Maskenbildnerin dem Darsteller nicht zumuten. Ramon Mundin aus dem Opernstudio macht als Beppo und Harlekin eine gute Figur in der Binnenhandlung der Komödie in der Tragödie.

Markus Lamers, Der Opernfreund, 15.06.26

Großer Applaus und lautstarke „Bravo“-Rufe!

[…] Die musikalische Qualität der Oper ist es dann auch, die das Theater Krefeld-Mönchengladbach besonders eindrucksvoll unter Beweis stellt. Wie der Opernfreund-Herausgeber Peter Bilsing in seiner Premierenkritik bereits festgestellt hat, verdient diese Produktion „volle fünf Sterne für die musikalische Seite”. Der äußerst sympathische Giovanni Conti, der seit der Spielzeit 2022/23 Kapellmeister der Niederrheinischen Sinfoniker ist, durfte bei seiner letzten Premiere am Gemeinschaftstheater am Niederrhein noch einmal zeigen, was er zusammen mit einem hervorragenden Orchester wie den Niederrheinischen Sinfonikern zu leisten vermag.

[…] Hinzu kommen fünf erstklassige Solisten, von denen vier aus dem eigenen Ensemble stammen. Als Gast wurde lediglich der australische Tenor Aldo Di Toro verpflichtet, der die Rolle des Canio u. a. schon an der Oper Graz, am Theater Ulm und am Åbo Svenska Teater im finnischen Turku verkörperte. Und auch am Niederrhein weiß Di Toro mit seinem wuchtigen, aber dennoch stets klaren Tenor zu überzeugen. Gleichzeitig bringt er die inneren Gefühle des Canio passend auf die Bühne. An seiner Seite steht mit Sofia Poulopoulou eine Sängerin, die mit ihrem lyrischen Sopran die Rolle der Nedda nahezu perfekt ausfüllt. Johannes Schwärsky und Rafael Bruck haben bislang in jeder Rolle überzeugt, sodass auch die Rollen des hinterhältigen Tonio und des jungen Liebhabers Silvio erneut perfekt besetzt sind. Die Solopartien werden abgerundet durch Ramon Mundin aus dem Opernstudio Niederrhein in der Rolle des Beppo.

[…] Hinzu kommt der von Michael Preiser hervorragend einstudierte Opernchor, der in Pagliacci eine sehr große Rolle einnimmt und am Ende wie ein sechster Hauptdarsteller vom Publikum gefeiert wird. Großer Applaus und lautstarke „Bravo“-Rufe zeugen am Ende des Abends davon, dass dem Theater hier einmal mehr ein großer Wurf gelungen ist.

Für die Inszenierung der Oper konnte erneut das Team um François De Carpentries (Regie und Konzeption), Karine Van Hercke (Kostüme & Konzeption) und Siegfried E. Mayer (Bühnenbild) gewonnen werden. Die drei haben am Niederrhein bereits mehrfach erfolgreich zusammengearbeitet und hier zuletzt mit dem Musical Sunset Boulevard überzeugt. Auch dieses Mal sind die Kostüme und das Bühnenbild mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Die Inszenierung orientiert sich an einem Krimi und wurde durch den fiktiven Kriminalfall Blutiger Ferragosto aus Dieter Zöchlings 1986 veröffentlichtem Buch Freispruch für Tosca, Jago soll hängen inspiriert, in dem der Autor seinerzeit bereits Leoncavallos Oper aufgegriffen und zu einem großen Kriminalfall ausgeschmückt hat.

[…] Abgesehen davon gelingt es De Carpentries aber zusammen mit den jeweiligen Darstellerinnen und Darstellern sehr gut, dem Publikum neben der eigentlichen Handlung auch einen Einblick in die emotionale Gefühlswelt der Figuren zu ermöglichen.

Dr. Hartmut Hein, Klassik.com, 16.06.26

Eine intelligente, auch musikalisch überzeugende Neuinszenierung

Welch eine Ungerechtigkeit: Da bettelt doch ein wandernder Schauspieler, der seine Eifersuchtsgefühle nicht unter Kontrolle hatte, mit der musikalisch wohl schönsten Nummer des Abends fast schamlos um Mitgefühl.

Genau das bildete wohl den Ausgangspunkt für das Inszenierungsteam François De Carpentries und Karine Van Hercke, welche Canio von Beginn an vor Gericht stellen. […]

Diese Inszenierung führt dem Publikum wie manchen größeren Bühnen in der Nähe geradezu exemplarisch vor, wie man einen nicht unproblematischen Theaterstoff im Hinblick auf seine historischen Geschlechterbilder und vergangenen moralischen Idiome geschickt und einleuchtend aktualisieren kann. Für die dennoch besondere ästhetische Qualität von Leoncavallos “Pagliacci” spricht da aber nicht nur das schon immanent auch durch die Musik betriebene Spiel mit Realitäts- und Theaterebenen: Die im Stück als Stück vorgeführte italienische Commedia dell’arte ist mit ihren archetypisierten Figuren eben doch ein überzeitlich und überräumlich verdichtetes Stück Wirklichkeit, wie es auch die eingängigen, durchaus oft für sich etwas klischeehaften musikalischen Affekte sind, die tatsächlich etwas “Inneres” von Figur zu Mensch transportieren und es erlauben und verlangen, dass die divergenten Gefühle und Gedanken vom Publikum reflektiert und ausgehalten werden.

[…] In dieser Hinsicht verdient auch der selbstmitleidige, aber in pervers gekonnter Mitfühlung wunderbar komponierte Canio trotz inzwischen verdienter Verurteilung allen Applaus des gleichwohl distanzierten und teilnehmenden Publikums für Komponist und Sänger: Mit Aldo Di Toro wurde für diese Produktion ein in vieler Hinsicht an Carlo Bergonzi erinnernder, als herangewachsener Australier wie ein in Italien gebürtiger Tenor gewonnen mit breitem angestammtem Repertoire und Erfahrung nicht nur als Canio oder Otello, der optisch genau in die Rolle des schon etwas gealterten und gerade deshalb unterschwellige Unsicherheiten hinter einer Macho-Fassade verbergenden Provinz-Entertainers passte – und diesen Part stimmlich wie schauspielerisch mühelos von lockerem Parlando bis zu strahlender Höhe bewältigte (und zu Recht als einziger Gastsänger vom Publikum sofort ins Herz geschlossen und mit begeistertem Applaus bedacht wurde). Auch Johannes Schwärsky absolvierte als Tonio den Vermittlungs-Spagat zwischen interessant-abstoßendem Schurken-Image und beseeltem Gefühlsausdruck mit breiten mimischen und gesanglichen Mitteln. Vor Inbrunst samten leuchtend kulminierte im Prolog seine leidenschaftliche Identifikation mit dem Wahrheiten besingenden Komödianten, einer Funktion, die Ramon Mundin, Mitglied des Opernstudios Niederrhein, als Beppo ebenfalls wortwörtlich erfüllte in einem dritten gesprochenen Monolog vor der sich wendenden Dorf-Aufführung – neben den Beschwichtigungsversuchen seines Chefs Canio als viertes Ensemblemitglied und der komödiantisch tatsächlich fein gespielten und gesungenen Harlekin-Rolle. Mit Rafael Bruck, dem am Theater als Liebhaber vieler Bühnengestalten eigentlich immer beeindruckenden Baritono primo, war Silvio in jeder Hinsicht luxuriös besetzt und von Karine Van Hercke in treffende Kostüme gekleidet worden, die in beiden Fällen deutlich machten, dass dieser Beau in der Dorfgemeinschaft – dem tadellosen Chor des Theaters – eine Einzelgängerrolle einzunehmen scheint: gegenüber dem schlichten allgemeinen Arbeitsoutfit im ersten Akt durch eine gewisse proletarische Anzug-und-Zopf-Arroganz und gegenüber der karnevalesken Clown-Kostümierung der Bauern als Publikum im zweiten Akt dann durch die abweichende optische Profilierung einer eigenen Commedia-Nebenrolle. Überhaupt erlaubten die ansonsten eher realistisch wirkenden Kostüme immer wieder eigene Momente psychologischer Interpretation: bestes Beispiel Nedda, die schon durch ihre fast durchgängige Verkleidung gezwungen ist, als bloße Rollenfigur für die gewinnorientierte Truppe Werbung zu machen, sich aber in den privateren Abendpausen-Szenen alleine quasi nur in Unterwäsche bewegt und während Tonios und Silvios Avancen sowie Canios plötzlichem Hereinbrechen um ihren und mit ihrem verdeckenden Überwurf kämpft. Sofia Poulopoulou zeigte neben ihren bekannten stimmlichen und darstellerischen Qualitäten gerade in der Rolle Neddas als Colombine diesmal auch eine perfekte balletttänzerische Beinarbeit und berührte durch viele ihr von der Regie erlaubte und von Leoncavalli dann doch noch in der Rolle implantierte Ausdrucksfacetten.

Das gesamte Ensemble schaffte das ja im Prolog angekündigte Kunststück, das musikalische Schauspiel als ein Stück unmittelbare Wirklichkeit wahrzunehmen, wobei dem Bühnenbild von Siegfried Mayer das Kunststück gelang, den Richtersitz des Prologs harmonisch wie ein Brunnenkonstrukt in die Videoprojektion einer italienischen Kleinstadtkulisse zu integrieren (und im zweiten Akt durch die kleine Wanderbühne zu überlagern). Dass man den irgendwie langsam projizierten Wechsel der Tageszeiten und der Bewölkung im Mondenschein nur punktuell wahrnahm, lag wirklich an der von der Personenregie spannend gestalteten Handlung und einem kolossalen Wohntheatermobil als Blickfang. Da auch die Niederrheinischen Sinfoniker unter Kapellmeister Giovanni Conti (nächste Saison ehrenvoll in gleicher Funktion an die Deutsche Oper Berlin berufen) von den Vogel-Flötenklängen bis zum kleinen Kontrabass-Solo in allen Gruppen ihr Bestes gaben, erwies sich Leoncavallos “Pagliacci” auch in der nach solcher dramaturgischer Kohärenz kaum anders denkbaren Präsentation gerade ohne zweite Kurzoper als ein mit dem späten Verdi, Puccini und Wagner auf Augenhöhe befindliches, veritables “Verismo”-Gesamtkunstwerk. Verdiente Standing Ovation für wirklich alle Beteiligte und der nachdrückliche Aufruf, noch diese Saison oder dann nächstes Jahr bei der Wiederaufnahme in Krefeld einmal den Weg an den westlichen Niederrhein zu suchen!

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