Wenn alles schlecht geht in der Welt, muss es dann der Fernseher auch noch sagen? Eben nicht, sagt Mama Hase entschieden beim Abendbrot. Und schaut sie sich so um, geht es Familie Hase doch auch gar nicht sooo schlecht: Papa hat Arbeit, Bébert wird Arzt, Jeannot dolmetscht im Europäischen Parlament, Marie ist glücklich verheiratet, Lucie studiert und ist verlobt und Hase, die Jüngste, geht aufs Gymnasium. Sie ahnt da noch nicht, dass Papa ihr was zu sagen hat, gleich die Polizei vor der Tür stehen wird und Hase nicht von dieser Erde ist …
Hase Hase ist Coline Serreaus erstes Bühnenstück, das schon 1992 mit Katharina Thalbach als Hase das Publikum im Schillertheater Berlin begeisterte. Jetzt inszeniert die Regisseurin Anne Spaeter das Erfolgsstück für die Große Bühne des Theaters Krefeld und Mönchengladbach.
Leitung
Besetzung
Von Sigrid Blomen-Radermacher, RP Mönchengladbach, 3.2.2026Eine große Familie, viel Eskalation und am Ende wird gezaubert
“Die Inszenierung ist bunt, witzig und temporeich. Viel Drama, das in dieser Komödie steckt. Auch viel ausgelassene Posse – es wird getanzt, gesungen, gefeiert – und eine Menge Gesellschaftskritik. Keiner der Hase-Kinder (und auch der Vater) ist das, was sie zu sein vorgeben: verheiratet, studierend, verlobt, berufstätig – alles nur Fassade. Auch Hase Hase geht nur scheinbar aufs Gymnasium. Irgendwann fliegt der Familie diese Fassade um die Ohren. Die Polizei, Soldaten und Agenten tauchen auf und tauchen ab – unter anderem geben Adrian Linke und Michael Grosse ein sehr komödiantisches Polizistenduo im Stil von Inspektor Colombo. Die Lage eskaliert schließlich mit der vermeintlichen Explosion einer Bombe. Mit dem Cyberangriff auf die Server von Banken und dem Sturz der Regierung. Und doch wird nicht vergessen, dass es sich bei der durchweg temporeichen, bunten und witzig gespielten Inszenierung um eine Komödie handelt: Auf nahezu märchenhafte Weise darf die Handlung gut ausgehen. Hase Hase, die eigentlich längst in den Äther zurückbeordert wurde, bringt das Chaos mithilfe ihrer magischen Kräfte und ein wenig Sternenstaub in Ordnung. Ein Ende, das – möglicherweise intendiert – fast zu pastellfarben und versöhnlich wirkt. Die Komödie hat einen großen Drama-Anteil. Und wird dennoch mit viel Leichtigkeit präsentiert.”
Plotgewitter (Marc), 2.2.2026Falscher Hase rettet die Welt – Mutter die Familie
“Dem Programmheft ist eine Anmerkung der Autorin zu entnehmen. Die Entstehung von „Hase Hase“ erklärt sie damit, dass sie „Verzweiflung überwinden“, „das Lachen retten“ und „Zeugnis ablegen“ wollte. Komödien schreiben als Verzweiflungstat, um in einer immer hektischer und herausfordernder werdenden Welt nicht den so kostbaren Humor zu verlieren. Vielleicht auch, um den Zeiten „des Aufstands, der Schlachten und der Toten“, die Müdigkeit und Erschöpfung hervorrufen, den Humor als einzig effektives Mittel entgegenzusetzen. „We feel you, Coline“, möchte man ihr daraufhin angesichts der jüngsten globalen Entwicklungen tröstend zurufen, oder vielleicht eher „nous vous comprenons“! (…) Ein Mensch im weißen Hasenkostüm und mit Skibrille im Gesicht schwebt durch das Weltall. Falscher Hase rettet die Welt – Mutter die Familie Avatar von Marc von Marc 2. Februar 2026 Papa Hase wartet seit Monaten vergeblich auf eine Gehaltserhöhung, und Töchterchen Hase, das süße aber irgendwie merkwürdige Nesthäkchen, hat Probleme in der Schule. Doch ist dies nur die Spitze des Eisbergs an Sorgen, die Mama Hase in ihrem alltäglichen Kampf zu bewältigen hat. Nach mehreren erfolgreichen Aufführungen in Krefeld hatte die Komödie „Hase Hase“ der französischen Autorin Coline Serreau am 01.02.2026 nun auch Premiere in Mönchengladbach. Schon vor Beginn des Stücks erlaubt die offene Bühne einen Blick auf die Kulisse einer recht kuscheligen 1,5-Zimmer-Wohnung: Badewanne und Toilette sind nur durch einen Duschvorhang vom unmittelbar benachbarten Esstisch getrennt, am anderen Ende der schmalen Küchenzeile ein einzelner Lesesessel, der beinahe ans Ehebett der Eltern und deren Kleiderschrank anstößt. Tochter Hase (Liv Wagener) hat ihr Bett auf einer kleinen Empore, und selbst für vier Personen, Mama (Esther Keil), Papa (Bruno Winzen) sowie Hases ältesten Bruder Bébert (Cornelius Gebert), ist es reichlich eng. Finanziell kommt die Familie über die Runden, doch Geld und Platz werden immer knapper, als im Laufe der kommenden Tage und Wochen mehr und mehr Menschen ganz unverhofft ihren Weg (zurück) in die Wohnung finden. Zudem scheint auch noch jedes von Mamas insgesamt fünf Kindern mindestens eine böse Überraschung im Gepäck zu haben, und nur auf eine günstige Gelegenheit zu warten, um sich diese endlich von der Seele zu reden. Vater und Tochter Hase stehen in warmer Winterkleidung an einem Geländer, teilen einen Croissant sowie Geheimnisse, die ihnen auf der Seele liegen. Vater und Tochter Hase (Bruno Winzen, Liv Wagener) teilen in einem vertrauten Moment nicht nur ein Croissant, sondern auch jeweils ein belastendes Geheimnis miteinander. Foto: Matthias Stutte. Auch Gerichtsvollzieher, Polizei und lästige Nachbarn schauen ungebeten vorbei, so dass die Türglocke beinahe niemals stillsteht, der Trubel bei Familie Hase sich nur selten legt, und der Satz „Mama, es hat geklingelt“ zu einem der gelungensten Running Gags der Show wird. Höchstens nachts, wenn die Küchenschaben (Liliane Kalwele, Sonja Tizion) im Dunkeln aus ihrem Versteck gekrochen kommen und die Bude aufräumen, wird es ein wenig friedlicher. Das alles mag schon abgefahren klingen, doch wirken die familiären Interaktionen beinahe noch ganz normal. Richtig schräg wird es, wenn schon gleich zu Beginn ein Mensch im Hasenkostüm (Wagener) und mit Skibrille auf der Nase an Seilen hoch über der Bühne entlang einer großen Videowand schwebt, die das unendliche Weltall mit tausenden Sternen und verschiedenen bunten, kosmischen Nebeln zeigt. Dazu singt sie die Melodie der parallel eingespielten Musik mit, und zieht sofort jegliche Aufmerksamkeit weg von der Wohnungskulisse unter ihr, die sich mit ihrer variablen Nutzbarkeit noch als eine Mischung aus Tiny House und geschicktem Verschiebepuzzle herausstellen soll. Der Esstisch der Familie Hase füllt sich im Laufe des Stücks immer weiter – hier sitzen bereits acht Menschen zusammen beim Essen, der Vater mangels Stühlen sogar auf einem pinken Gymnastikball. Bedingt durch den kontinuierlichen Zuwachs gehen Familie Hase die Sitzgelegenheiten aus. Von links: Bruno Winzen, Nicolas Schwarzbürger, Julia Staufer, Liv Wagener, Marie Eick-Kerssenbrock, Simon Schofeld, Esther Keil, Paula Emmrich. Foto: Matthias Stutte. Hase Hase, das verrät sie uns schon recht früh im Stück selbst, ist in Wahrheit eine außerirdische Lebensform, die von ihrer Spezies auf die Erde geschickt wurde, um uns Menschen zu erforschen und zu beurteilen. Da passt es besonders gut, wie Hase mit der kindlichen Neugier eines jungen Mädchens Fragen stellt, Redewendungen und Verhaltensweisen hinterfragt, und so ganz nebenbei ihrem Auftrag nachkommt. Sie bekommt viel zu sehen und zu hören, wenn Jeannot (Nicolas Schwarzbürger), Marie (Julia Staufer) und Lucie (Marie Eick-Kerssenbrock), die Mama eigentlich alle aus dem Haus und gut versorgt glaubte, aus den unterschiedlichsten Gründen in die elterliche Wohnung zurückkehren, und zunächst keine Anstalten machen, wieder zu verschwinden. Wenn auch noch Lucies Verlobter Gérard (Simon Schofeld) und die einsame Nachbarin Madame Duperri (Paula Emmrich) vorbeikommen, müsste man aus Platzgründen beinahe schon ein Fenster öffnen. Das Ensemble komplettieren Adrian Linke und Michael Grosse, die in verschiedenen Rollen meist als Duo auftreten, sich aber in aller Regel auf kurze Aufenthalte bei den Hases beschränken. Teilweise sogar nur virtuell, so zum Beispiel als Nachrichtensprecher im Fernseher, dessen Bild dann ebenfalls auf der Videowand im Hintergrund zu sehen ist. Bei allem Ärger hat dieser zum Glück ausschließlich gute Nachrichten zu verkünden, die fast schon zu schön klingen, um wahr zu sein. Wie viele französische Komödien ist auch dieses Stück nicht allzu gezielt auf Pointen hingeschrieben. Humor entsteht eher durch gewollte Übertreibung, durch Zuspitzungen des ganz normalen Familien-Wahnsinns, wie ihn Viele in leicht abgeschwächter Form von jetzt oder früher kennen. Diese Art des Erzählstils kann vereinzelt zu einem vorübergehenden, gefühlten Leerlauf führen, welcher aber nie lange anhält. Ensemble-Szenenfoto aus der Aufführung “Hase Hase” am Theater Mönchengladbach: am Ende einer Tanznummer finden sich alle mit fröhlich ausgebreiteten Armen zusammen. Hase ex machina: von allen Sorgen, Problemen und kleineren Konflikten lässt die erweiterte Familie Hase sich ihre fröhliche Gemeinschaft nicht vermiesen. Foto: Matthias Stutte. Dem gegenüber stehen aufsehenerregende Musik- und Tanznummern, choreografiert von Alla Bondarevskaya,. wenn ein einzelner Protagonist nach vorne an den Bühnenrand tritt, während alle anderen solange im Halbdunkel einfrieren, um auf eher ruhige und emotionale Art die eigenen Nöte näher zu beleuchten (z. B. „Mamas Lied“, in dem sie auf französisch darüber sinniert, wo nur all ihre Jahre geblieben sind). An anderer Stelle wird gemeinschaftlich mit Akustikgitarre und im Stile eines Rolf-Zuckowski-Kinderliedes eine Art Familienhymne der Hases zelebriert, mit viel „hopp, hopp, hopp“ sowie „zick und zack“ – bis diese in einen Party-Track aus dem Hip-Hopp-Genre mit entsprechenden Dance Moves übergeht. Dem Programmheft ist eine Anmerkung der Autorin zu entnehmen. Die Entstehung von „Hase Hase“ erklärt sie damit, dass sie „Verzweiflung überwinden“, „das Lachen retten“ und „Zeugnis ablegen“ wollte. Komödien schreiben als Verzweiflungstat, um in einer immer hektischer und herausfordernder werdenden Welt nicht den so kostbaren Humor zu verlieren. Vielleicht auch, um den Zeiten „des Aufstands, der Schlachten und der Toten“, die Müdigkeit und Erschöpfung hervorrufen, den Humor als einzig effektives Mittel entgegenzusetzen. „We feel you, Coline“, möchte man ihr daraufhin angesichts der jüngsten globalen Entwicklungen tröstend zurufen, oder vielleicht eher „nous vous comprenons“! Im Theaterbistro stellt einer der Hausdramaturgen nach der gelungenen Premiere von “Hase Hase” Ensemble und Crew auf einer kleinen Bühne vor. Alle Hasen auf der Party machen hopp: Schauspieldramaturg Martin Vöhringer präsentiert dem Publikum auf der Premierenfeier vertretungsweise noch einmal Ensemble und Crew. Foto: Plotgewitter. Wenn auch Hase, die Undercover-Außerirdische, titelgebende Figur in der Inszenierung von Anne Spaeter ist, singt die Aufführung doch viel eher ein Loblied auf alle Mütter, insbesondere auf Keils „Mama Hase“. Manchmal platzt ihr verständlicher Weise die Hutschnur, wenn sie das berechtigte Gefühl bekommt, die Verantwortung für alles sei viel zu einseitig nur auf ihre Schultern verteilt. Mama ist es jedoch auch, die jede Enttäuschung, jeglichen Rückschlag tapfer schluckt, um nie lange zu lamentieren, sondern mit totalem Pragmatismus an die Zukunft zu denken.”
Von Klaus Matthias Schmidt, 15.09.2025, WZ KrefeldDie „Mama“ als Zentralgestirn
“Es ist eine groteske, aber keineswegs alberne Familienkomödie. Die Titelfigur Hase Hase (Liv Wagener) ist das jüngste Kind der Familie, eigentlich aber ein Alien, das den überdrehten Hases (im Französischen ist der Familienname Lapin) untergeschmuggelt wurde. Mit ihrer Hilfe will ihr Volk herausfinden, ob denn die Menschheit noch zu retten oder doch nur „kosmischer Abfall“ ist. […] Esther Keil ist als Schauspielerin Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung, so wie ihre Figur das Zentralgestirn der Familie Hase ist. Sie zaubert aber auch für jeden Rückkehrer noch ein Essen auf den Teller, sie findet für jeden noch eine Matratze, damit keiner sein Haupt auf dem kahlen Boden lagern muss. Und zwischendurch darf sie sogar beklagen, dass sie als Mensch in der Rolle der Problemlöserin beinahe unsichtbar geworden ist. […] Anne Spaeter hat die Komödie nicht durchgehend leichtfüßig, aber stets mit einem guten Gespür für Rhythmus inszeniert. Es gibt lustige Running Gags, stolperfrei ablaufende Slapstickszenen, surreale Showeinlagen, so gut getimte wie witzige Dialoge – alles, was eine gute Komödie halt so braucht. Das Publikum spendete mehrfach Szenenapplaus, am Ende Standing Ovations.”
Christina Schulte, 16.09.2025, RP KrefeldEine außerirdische Komödie mit Hase
“Es ist eine Realität, in der alle versuchen, zurechtzukommen. Die großartige Mutter dieser Familie hält alles zusammen, am liebsten mit Essen und auch mal einem Getränk. Alle, das sind zunächst Mama und Papa. Vornamen gibt’s nicht – hier sind die klassischen Rollen als Ernährer und versorgende Mutter geschrieben. […] Und überhaupt ist viel Schwung in dieser Geschichte: Die anderen Kinder der Familie Hase tauchen eines nach dem anderen auf und nisten sich wieder im trauten Heim ein. Da ist Jeannot (Nicolas Schwarzbürger), verwickelt in dubiose Geschäfte, auf der Flucht vor der Ordnungsmacht. Wenn’s wieder mal klingelt, versteckt er sich in der Badewanne und bekommt eine Ladung Wäsche über den Körper. Da ist Marie (Julia Staufer) mit ihren Koffern: „Ich lass mich scheiden“, und da ist Lucie (Marie Eick-Kerssenbrock), die vom Altar weggelaufen ist. […] Anne Spaeter regiert dieses vielköpfige Ensemble mit Witz und Tempo und lässt auch Raum für tragische Anteile. Kostüme und das detailreiche Bühnenbild aus der Hand von Sibylle Meyer sind ein gelungener Spiegel der einfachen, aber sehr herzlichen Verhältnisse bei den Hases. Die Komödie mit Tiefgang beschert den Zuschauern einen amüsanten Abend, bei dem man über so einiges nachdenken kann und vor allem herrlich lachen.”