Cyrano’s Kampflust wird gefürchtet; als Poet hingegen wird er dank seiner Wortgewalt verehrt, denn sein subversiver Sprachwitz ist schärfer noch als seine Klinge. Nur in der Liebe ist Cyrano glücklos, hindert ihn die Angst vor Ablehnung doch daran, seine Liebe zu der schönen und smarten Roxane zu offenbaren. Zu allem Übel gesteht ihm Roxane, dass sie sich in den gutaussehenden aber einsilbigen Christian verliebt hat. Nicht ohne Eigennutz hilft Cyrano Christian und schreibt in dessen Namen Roxane die wunderbarsten Briefe und souffliert ihm herzerwärmende Liebesgeständnisse. Die Angebetete ist Feuer und Flamme, doch im selbstgeschaffenen Liebeslabyrinth aus Lügen und Wahrheit verirren sich die Liebenden Cyrano, Christian und Roxane tiefer und tiefer.
In seiner funkelnden Neufassung dieser kraftvollen Tragikomödie ersetzt der englische Autor Martin Crimp die traditionellen Alexandriner des Klassikers von Edmond Rostand durch heutige Hip-Hop-Reime, die mal großspurig und kraftstrotzend sind, mal leichtfüßig komisch und zart, und dabei immer geschmeidig und poetisch.
Von Petra Diederichs, 05.10.2026, RP KrefeldEin „Cyrano“, als hätten Fanta 4 mitgereimt
“An diesem Abend geht es nicht um die berühmte Barockfigur Cyrano, der für seine Kampfkunst gefürchtet und für seine Dichtkunst verehrt wird, wie Edmond Rostand sie Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben hat. Es gibt die rasante Neufassung von Martin Crimp von 2019. Der englische Dramatiker hat die ollen Alexandrinerverse durch heutige Sprache ersetzt, frisch, originell und gereimt, als hätten Fanta 4 mitgedichtet. Das hat Rhythmus, Witz und Tempo. (…) Carolin Schupa geht feinfühlig mit der Hosenrolle um, sie krempelt sie nicht um zur Frau, verzichtet auf Testosterongehabe und müht sich nicht mit Genderneutralität ab. Es dauert keine Minute, bis man nur die Figur sieht. Das Ensemble jagt Pointen und Reime mit Tempo und Präzision ins Publikum. (…) Anne Mulleners hat mit Chani Lehmann und Matthias Dielacher (Kostüm und Bühne) sowie Aki Traar (Musik) ein buntes, witziges und sehr leichtfüßiges Spiel komponiert, bei dem die großen Fragen knapp unter der Oberfläche liegen. Wer mag, fischt sich eine raus, um später darüber nachzudenken. Für Hip-Hopper und Poetry-Slam-Fans ist das beste Unterhaltung. Die anderen sollten sich von der Spiellust und der beeindruckenden Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler fesseln lassen.”
plotgewitter, 04.10.2026Wer nicht schön sein kann, muss leiden
“Wer übrigens zu Beginn noch die Nase darüber rümpft, dass die Titelfigur mit einer Frau besetzt wurde, dem ist hoffentlich im Laufe des Abends ein Licht aufgegangen. Sind es doch in unserer heutigen Zeit vor allen Dingen Frauen, über die anhand von Äußerlichkeiten gerichtet wird. Ein Hohn, wenn auf der Bühne offenbar alle anderen gerade dabei sind, ihr Aussehen im Rahmen ihrer Möglichkeiten durch chirurgische Eingriffe und Ähnliches zu verunstalten, während sich ausgerechnet Cyrano diesem Schönheitswahn entzieht und seine Natürlichkeit akzeptiert. Für alle anderen kann der nächste Spiegel nicht nah genug sein, ist selbst das Lehrbuch der Universitätsstudentin Roxane in reflektierendes Material eingeschlagen, so dass sie auch ja „hübsch“ lernen kann.
Schupa ist in ihrer Rolle dabei nicht zu bremsen. Mit ungemeiner Energie fegt sie kreuz und quer über die Bühne, beweist auch im Volle-Power-Modus bei ausgeprägter Körperlichkeit zugleich extreme Präzision. Emotional gebeutelt und wegen der vermeintlich großen Nase bei der Partnersuche eingeschränkt, kostet sie die Momente der Überlegenheit umso gründlicher aus, sei es im physischen Duell mit Widersachern oder in der Belehrung Christians. Auch Schofeld reüssiert ganz wunderbar in seinem anspruchsvollen Part. Wenig intellektuell (böse Menschen sagen einfach „dumm“) zu sein, hat schließlich keinen Einfluss auf die Fähigkeit zu fühlen. Und auch „Neuling“ Marie Luise Arnold, die sich wie ihr Kollege Konstantin Lohnes in Windeseile in die Rolle einfinden musste, macht das großartig und komplettiert als Roxane das unglückselige Liebesdreieck als Motor des zentralen Konflikts.
Wie tragisch das Wettrennen um äußerliche Schönheit und Attraktivität verlaufen kann, davon zeugen auch heute noch gesundheitlich nicht zwingend erforderliche medizinische Eingriffe, Instagram-Filter und KI-Aufhübschung oder das unaufhörliche Pumpen im Fitnessstudio. Unser Aussehen ist und bleibt alternativlose Visitenkarte für den ersten Eindruck, und auch auf den zweiten Blick für Viele mindestens genau so wichtig wie ein gutes Herz, Verstand oder Empathie. Roxane wollte sich mit nicht weniger als dem ultimativen Gesamtpaket zufriedengeben, was Cyrano und Christian zu dieser Art der Stellvertreter-Liebe veranlasste, in der letztlich niemand sein wahres Glück finden sollte. Am Ende muss Roxane sich desillusioniert und getäuscht die Frage stellen, ob sie denn in Wahrheit zwei Männer liebte – oder keinen. Den jedenfalls, den sie lange zu lieben glaubte, gibt es nicht.”
Von Sigrid Blomen-Radermacher, 09. November 2025, RP MönchengladbachModerner „Cyrano de Bergerac“ begeistert
“Die Premiere im Theater Mönchengladbach spielt mit aktueller Sprache, die das alte Versmaß ersetzt. Die neuen Dialoge sind noch gereimt – aber im Stil des Poetry Slams oder des Hip-Hops. (…) Das perfekt aufeinander abgestimmte und hervorragend gelungene Zusammenspiel zwischen den Schauspielerinnen und Schauspielern, der Regisseurin (Anne Mulleners inszenierte das Stück), dem Dramaturgen und den Bühnen- und Kostümbildner (Chani Lehmann und Matthias Dielacher) entführt die Zuschauerinnen und Zuschauern mit großer Leichtigkeit in die Zeit des 17. Jahrhunderts. (…) Die Inszenierung ist frisch und mitreißend. Da treten die Schauspieler durch die Besuchereingänge auf, quetschen sich durch die ersten Reihen, sprechen direkt ins Publikum. Anne Mulleners hat bewusst eine Frau für die Rolle des Cyrano de Bergerac ausgewählt: Carolin Schupa. Als Einzige spielt sie ihre Rolle ohne blonde Perücke und Pflaster im Gesicht. Anne Mulleners begründet ihre Wahl damit, dass die weiblich besetzte männliche Rolle die Zuschauerinnen und Zuschauer intensiv mit der Frage nach dem Wesen von Männlichkeit und Weiblichkeit konfrontiert. Auch das ein hochaktuelles Thema.”