„Something is rotten in the state.“
Etwas ist verdorben, faul im Staat, argwöhnt Hamlet, denn kaum ist sein Vater überraschend gestorben, heiratet sein Onkel seine Mutter, besteigt den Thron des Königreichs und verkündet eine Zeitenwende und politischen Wandel. Als Hamlet der Geist seines Vaters erscheint und dieser Rache für seine Ermordung durch den Bruder fordert, zögert er zunächst und sucht Gewissheit. Doch die Anzeichen für ein Mordkomplott, in das auch seine Mutter verstrickt zu sein scheint, verdichten sich. Jetzt muss Hamlet handeln.
Ohne eine positive Vision, gerät Hamlets tödliches Tun zu einem von Weltschmerz durchtränkten, ziellosen Rachefeldzug gegen ein Machtsystem und dessen Repräsentanten, die ihrerseits skrupellos ihre politischen und persönlichen Interessen verfolgen.
Shakespeares philosophisches Meisterwerk reflektiert zeitlos die widersprüchlichen Optionen und die Ohnmacht des Einzelnen in einem Unrechtssystem.
Leitung
Besetzung
Von Angela Wilms-Adrians, RP Mönchengladbach, 20.09.2026„Hamlet“ als packendes Spiel um Macht, Rache und Wahn
” Christoph Roos´ Inszenierung des Shakespeare Dramas „Hamlet“ begeistert als großartiger Start in die neue Theatersaison. Bühne, Licht, Kostüme und Schauspiel verbinden sich zu einer düsteren Tragödie mit Live-Musik. (…) Mit der Ensembleleistung liefert das Theater Mönchengladbach einen eindrucksvollen Start in die neue Saison. Hier fügen sich schauspielerische Leistungen, Bühnenbild, Lichtführung mit teilweise gleißend hellen Akzenten gegen vorherrschende Dunkelheit sowie schließlich der Umgang mit dem Bühnenraum perfekt zum Ganzen. Aylin Leclaires Live-Musik rundet das Schauspiel atmosphärisch ab. Bereits vor Beginn lässt die Musikerin geheimnisvolle, kaum wahrnehmbare Klänge durch den Raum wabern. Diese begleiten die stoische Ruhe der Totengräber. Ein Mix aus elektronischer und „handgemachter“ Musik assoziiert später höfische Musik, entfaltet etwa lyrisch anmutende Klänge zum vorgelesenen Liebesbrief. Über Loops bündelt Leclaire sich wiederholende Sequenzen. Sie imitiert zur Totengräber-Szene das Krächzen einer Krähe und trifft ein anderes Mal mit hoher Stimme direkt ins Herz. (…) Hamlet-Darsteller Cornelius Gebert gestaltet eindringlich die Tragik und Zerrissenheit der titelgebenden Figur – ihr Suchen, das Abwägen zwischen Schein und Sein, Wahn und Wirklichkeit. (…) Berührend, mit kindlich anmutenden Zügen mimt Liv Wagener den Wahn der Ophelia, die dem Spiel um Macht und Rache zum Opfer fällt. Adrian Linke kristallisiert überzeugend den komplexen Charakter des Polonius heraus. Er zeigt einen Mann, der um seinen Einfluss weiß und doch auch getrieben ist von der väterlichen Sorge. Das begeisterte Premierenpublikum erhob sich zum lang anhaltenden Applaus mit jubelnden Zurufen von seinen Plätzen.”
Marc alias Plotgewitter, 20.09.2027Blutrache im Bällebad
“(…) Cornelius Gebert verzichtet auf überflüssiges oder unangebrachtes Pathos, sagt den berühmten „Sein oder nicht sein“-Monolog auf, ohne sich zuvor dafür in Pose zu werfen. Bei ihm sind die Worte in der prägnanten, leicht modernisierten Übersetzung von Heiner Müller frische Erkenntnisse, laut gedachte Gedanken, die nicht etwa für einen imaginären Zuhörer besonders beeindruckend performt werden müssten. Sie sind auch Zeugnis einer Dualität ohne jegliche weitere Optionen, in welcher sich der Held gefangen wähnt.
Es ist die Tragik und Wehrlosigkeit des Einzelnen in einem faulen, verkommenen System, die sich am besten an der Figur des Hamlet ablesen lässt und diesen zu einem getriebenen, oftmals auch offen ratlosen und dadurch überforderten Charakter macht. Die sündige Tat des Claudius setzte eine Kette von Ereignissen in Gang, die aus dem Hunger nach Vergeltung, aus Missverständnissen oder falsch verstandener Loyalität resultierten. Als Ergebnis liegen am bitteren Ende (fast) alle Beteiligten tot quer über den Bühnenboden verteilt da, und wirklich glücklich kann dieses Fazit so recht niemanden machen. Ein ewiges, unaufhörliches „Auge um Auge“ ließe einerseits langfristig die gesamte Welt erblinden. Doch soll Hamlet stattdessen ein Regime oder gar ein Familienmitglied stumm gewähren lassen, das einen zur Zielscheibe auserkoren hat und unschädlich machen oder gar komplett beseitigen will? Bekämpft Hamlet ein faules, korruptes System mitsamt dessen Auswüchsen, oder hat er womöglich nicht nur zum Schein den Verstand verloren, wenn er sich zeitweilig weiße Langohren aufsetzt und beteuert, er wisse von nichts? Eine ausdrückliche Antwort hierauf gibt es nicht. Wieder nicht mehr als diese lediglich zwei Optionen. Der Rest ist Schweigen.”
Verena Jansen, leichttheaterbesessen auf Instagram, 29.09.2026Eine eigenwillige, packende Inszenierung
“Eine eigenwillige, packende Inszenierung – mit einem faszinierenden Bühnenbild, einem famosen Ensemble und ebenso faszinierender Musik: mit der gegenwärtigen Party ist es vorbei, es glitzert nichts mehr, dem wird kein schöner Schein mehr vorgetäuscht – und die Luftballons sind wie Träume und Möglichkeiten: alle zerplatzt…!”