Schauspiel

Liebes Publikum,
wir haben uns in den vergangenen Monaten viel mit der Frage beschäftigt, wie politisch Theater sein kann, sein soll oder sein muss. Wir können angesichts der politischen Verwerfungen als Kunstschaffende nicht einfach so weitermachen, als geschehe nicht gerade im Augenblick etwas, das die Gesellschaft unumkehrbar verändern wird. Ist es in Zeiten wie diesen die Aufgabe des Theaters, Partei zu ergreifen? Oder müssen wir im Gegenteil versuchen, die immer schneller auseinanderdriftende Gesellschaft wieder zusammenzuführen, Verständigung zwischen den scheinbar unversöhnlich einander gegenüberstehenden Positionen herbei zu führen?
Wir haben einige Regisseur*innen nach ihrem Verhältnis zur Politik befragt. Die spannenden Antworten finden sie im Magazin-Teil dieses Hefts.
Auch ich habe mir diese Frage natürlich schon sehr oft gestellt. Obgleich ich mich für einen politischen Menschen halte, muss ich doch zugeben, dass ich politische Thesen auf dem Theater schon immer eher schwer zu ertragen fand – genauso wie als Theaterstücke getarnte Leitartikel. Und um „Haltung zu zeigen“ betrete ich auch keine Probebühne, sondern gehe lieber direkt auf die Straße.
Aber ich bin davon überzeugt, dass der Perspektivwechsel Voraussetzung jeder guten politischen Haltung und Entscheidung ist. Die Bereitschaft, die Welt durch die Augen eines anderen zu sehen, muss der Ausgangspunkt für alles soziale und politische Handeln sein, wenn wir nicht in einer Gesellschaft der Egoisten und des Eigennutzes enden wollen.
Insofern fängt politisches Theater für mich dort an, wo wir Sie, liebes Publikum, verführen können, ihren eigenen Standpunkt zu verlassen und den Motiven, Nöten und Sehnsüchten ihrer Mitmenschen auf die Spur zu kommen. In einer Zeit, in der uns Elon Musk entgegenbrüllt, dass „die fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation Empathie“ ist, möchte ich mit der Hannah Arendt antworten: „Der Tod der menschlichen Empathie ist eines der frühesten (…) Zeichen dafür, dass eine Kultur dabei ist, in Barbarei zu verfallen“. Und Hannah Arendt wusste sehr genau, wovon sie spricht. Sie hat den Rückfall in die Barbarei erlebt.
Bitte lassen Sie uns alle gemeinsam gegen diesen wiederholten Fall in die Barbarei kämpfen. Im Theater und an jedem anderen Ort!
Christoph Roos
Schauspieldirektor